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Nachruf – Presseschau

J.D. Salinger
Foto: archivio Giovanetti /Effigie / Agentur Bilderberg

Der Schriftsteller Jerome David Salinger starb im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Cornish, im US-Bundesstaat Hampshire.

 

sueddeutsche.de: «Der Welt widerstehen wie ein Kind» von Willi Winkler

«Hinterher wird ihm der ‹Fänger im Roggen›, der im Jahr 1951 erschien, dreißig Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times stand und dann allmählich zu einem dauernden Welterfolg heranwuchs, ein wenig peinlich gewesen sein, weil er da zu viel von sich preisgegeben hatte, nämlich dass er am liebsten Kind wäre, ein Kind, das der Welt aber durch seine schiere Naivität widerstehen kann. [...]

Und nicht nur, weil es Schullektüre ist (in den Vereinigten Staaten wurde das Buch, seiner Flüche wegen, bis in die achtziger Jahre hinein immer wieder von den Leselisten genommen), haben sich davon bis heute 65 Millionen Exemplare verkauft. Verfilmt worden ist es indessen nie, obwohl sich berühmte Regisseure darum bewarben. J. D. Salinger wollte nicht, wohl nicht zuletzt, weil der einzig mögliche Darsteller für Holden Caulfield sein Autor gewesen wäre.»

 

faz.net: «Die literarische Verklärung der Außenseiter» von Paul Ingendaay

«In jüngerer Zeit tauchte Salingers Name meistens im Zusammenhang mit Enthüllungen seiner Tochter oder ehemaliger Freundinnen auf, die von seelischer Grausamkeit und emotionalen Problemen des berühmten Mannes zu berichten wussten. Nicht nur gegen seinen Biographen Ian Hamilton (‹Auf der Suche nach J.D. Salinger›), auch gegen Verlage, Buchhändler und einen Schriftstellerkollegen, dem er Plagiat vorwarf, ist der auf seine Privatsphäre bedachte Autor gerichtlich vorgegangen.

Während der Autor unsichtbar blieb, wuchs die Fangemeinde unaufhörlich weiter. Nicht in akademischen Kreisen, wo man ihn manchmal belächelt und seine Figuren als ‹regressiv› eingestuft hat, sondern von Schriftstellern, Künstlern und passionierten Lesern ist sein Werk auf das höchste Podest gehoben worden: in empfindungsloser Zeit Trost und Lebenshilfe zu sein.»

 

welt.de: «Als Schriftsteller wird J.D. Salinger auferstehen» von Hannes Stein

«Die Details von Salingers Leben muss man mühselig zusammenklauben. Klar ist, dass er am 1. Januar 1919 als Sohn von Sol Salinger geboren wurde, einem polnischen Juden, der es mit der Religion der Väter offenbar nicht sehr genau nahm: Er importierte nicht nur Käse, sondern auch Schinken in die USA. Die Mutter des Schriftstellers, Marie Jillich, war schottisch-irischer Abstammung, nahm aber später den Namen ‹Miriam› an. [...]

Als 1941 Pearl Harbor angegriffen wurde, meldete Salinger sich sofort freiwillig. Er war bei der Landung in der Normandie dabei. Er gehörte zu den Befreiern von Paris. Dort lernte er Ernest Hemingway kennen, der über Salinger den denkwürdigen Ausspruch tat: ‹Jesus, he has a helluva talent.› Salinger überlebte das Massaker, das die Wehrmacht unter den GIs im Hürtgenwald anrichtete. Gegen Ende des Krieges – aber hier sind die Zeugnisse nicht eindeutig – hat er vielleicht einen Nervenzusammenbruch erlitten und musste psychiatrisch behandelt werden. [...]

Am Anfang der Fünfzigerjahre wandte sich Salinger fernöstlichen Erlösungslehren zu. Ist das schwer zu schlucken? Gewiss, aber der fernöstliche Mystizismus ist nicht von J. D. Salingers Werk zu trennen – genauso wenig, wie man den Katholizismus vom Werk des großen Walker Percy oder die russische Orthodoxie vom Werk des großen Fjodor Dostojewski trennen kann. Wenn sich jetzt (hoffentlich) die Türen der Schatzkammer in Cornish, New Hampshire, öffnen, wird offenbar werden, ob die Religiosität für das Spätwerk von Salinger ein Hemmschuh oder ein Katapult war.

Am Schluss des ‹Fängers im Roggen› heißt es: ‹Erzähl nie irgendwem irgendwas. Wenn du’s doch tust, fängst du an, sie alle zu vermissen.› Wir vermissen seit heute Jerome D. Salinger.»

 

spiegel.de: «Der Heilige von Cornish» von Wolfgang Höbel

«Für viele seiner Jünger war der 1919 geborene Mann, der von 1965 an keinen Text mehr veröffentlichte, der sich konsequent auf seinen Landsitz in Cornish im US-Bundesstaat New Hampshire zurückzog und der sich Journalisten verweigerte, eine Art Heiliger.

Zugleich wurden seine Bücher und er selber auf eine Art pedantisch begafft und analysiert, mit Gerüchten und Legenden zugemüllt und nach allen Regeln der Interpretationskunst zerstückelt, dass es ein großes Elend war. Jerome D. Salinger und Holden Caulfield, der Ich-Erzähler in ‹Der Fänger im Roggen›, landeten quasi gemeinsam auf der Couch.

Und es half ihnen nichts, dass sie rigoros die Aussage verweigerten. ‹Ich dachte mir aus, dass ich mich taubstumm stellen würde. Auf diese Weise brauchte ich keine verdammten, blöden, nutzlosen Gespräche mit irgendjemand zu führen›, verkündet Caulfield im Buch. ‹Falls jemand mir etwas mitzuteilen hatte, müsste er es eben auf einen Zettel schreiben. Das würde die Leute bald langweilen, dachte ich, und dann hätte ich für den Rest meines Lebens alle Gespräche hinter mir. Alle würden mich für einen armen taubstummen Hund halten und mich in Ruhe lassen.›»

 

fr-online.de: «Wer braucht den ganzen Mist?» von Reinhard Helling

«Wer den Roman gelesen hat, kann Central Park, Greenwich Village oder die Radio City Music Hall kaum besuchen, ohne an Holdens Erlebnisse zu denken. An die Taxifahrer, die er fragt, wo die Enten im Winter bleiben. Gleich zwei Attentäter verstanden das Buch als Handlungsanweisung: Mark David Chapman trug den ‹Catcher› bei sich, als er 1980 John Lennon erschoss; ebenso John Hinckley, der wenig später auf Ronald Reagan feuerte.

Auf Deutsch erschien 1954 die erste – haarsträubende – Übersetzung unter dem Titel ‹Der Mann im Roggen›. Erst 1962 brachte der Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) die von Heinrich Böll durchgesehene Fassung heraus, die später als lilagerahmtes Rowohlt-Taschenbuch durch Millionen Schülerhände ging. Doch auch diese Fassung entsprach durch Kürzungen, zensierte Stellen und schlampige Bearbeitung nicht dem Originaltext; ihr fehlte sogar die Widmung ‹To my Mother›. Erst 2003, mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung, brachte KiWi mit Eike Schönfelds Neuübersetzung eine Ausgabe auf den Markt, die Holdens Sprache in allen Nuancen transportiert. [...]

Als Holden sich eines Nachts seine Beerdigung vorstellt, bekommt er einen seiner berühmten Bauchkrämpfe: ‹Ich hoffe bloß, wenn ich tatsächlich sterbe, ist jemand so gescheit, mich in den Fluss zu schmeißen oder was weiß ich. Alles, bloß nicht auf einen verfluchten Friedhof. Und dann kommen am Sonntag Leute und legen einem einen Strauß Blumen auf den Bauch und den ganzen Mist. Wer will schon Blumen, wenn er tot ist? Keiner.› Zu Salingers Beisetzung wird es keinen Gottesdienst geben.

Bleibt die Frage aller Fragen: Liegen in Salingers legendenumwoben Tresor wirklich stapelweise fertige Bücher, wie es Gerüchte wissen wollen?»

 

taz.de: «Der Zurückgezogene»

«Salinger war nach Angaben seiner Sprecherin auch die letzten Lebensjahre bei guter Gesundheit. Er sei aber friedlich und ohne Schmerzen gestorben. Nach seinem lebenslangen Bemühen um Abgeschiedenheit wird es keinen Gottesdienst zur Beisetzung geben. Die Familie bittet, aus Respekt gegenüber dem Leben und Werk von Mister Salinger diesem Wunsch zu folgen, sagte die Sprecherin. Er wird von den wenigen, die ihm nahe waren, ebenso vermisst wie von den zahllosen Lesern.»

 

zeit.de: «Mit einem Werk zum Weltruhm»

«Schnell kamen Spekulationen, bald obskure Legenden: Er verbringe die Zeit in einem buddhistischen Kloster. Er schieße auf jeden, der sich seinem Anwesen nähere. Er züchte Pferde in Island oder Iowa. Er werde von der CIA überwacht. Er und Thomas Pynchon seien eine Person. Es gab rasch mehr Geschichten über Salinger, als er selbst je geschrieben hatte. Das Klatschbedürfnis kulminierte in der Biografie von Ian Hamilton im Jahr 1988. Erst kamen die Anwälte, dann der Oberste Gerichtshof. Viele Seiten mussten geschwärzt werden. Aus Salingers Briefen: alles gestrichen. Was stimmte und was nicht, wusste nur Salinger selbst. Zuletzt versuchte seine Tochter Margaret in dem Buch Dream Catcher das öffentliche Bild ihres Vaters einigermaßen zurechtzurücken, schilderte ihn jedoch als manischen, verbiesterten Mann. Seinem Werk konnte der Tratsch nichts anhaben.»

 

ftd.de: «J.D. Salinger – Ikone junger Rebellion»

«Die englische Originalausgabe enthält 255-mal den Begriff ‹goddam› und immerhin 44 ‹fuck› - und brachte es dennoch zur beliebten Schullektüre. Bislang wurden mehr als 65 Millionen Exemplare des Buches verkauft. Obwohl Salinger es bei diesem einen Roman beließ und außerdem nur noch 35 Kurzgeschichten und zahlreiche Beiträge für Zeitschriften veröffentlichte, ist er einer der meistgelesenen amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte - die Jahre von 1948 bis 1959 - wurde von Rezensenten als ‹Ära Salinger› bezeichnet.»


29.01.2010
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