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Foto: Bastian Schweizer
Der Schweizer Bestseller-Autor liebt das Kochen, besitzt aber keinen Rotationsverdampfer. Dafür darf seine neue Romanfigur mit der Molekularküche experimentieren. Ein Gespräch

Der Freitag: Herr Suter, lassen Sie uns gleich etwas richtigstellen.
Martin Suter: Gerne.

In ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass man im Freitag den Nachruf auf einen internationalen Waffenschieber unterbringen könnte. Das ist aber mehr als unwahrscheinlich.
Das höre ich mit Beruhigung. Wissen Sie, ich kannte den Freitag nicht und war mir nach meinen Recherchen eigentlich sicher, dass ich einen fiktiven Zeitungsnamen benutze. Dabei ist es ja naheliegend. Freitag ist ein sehr guter Titel. Es tut mir leid, dass ich den Freitag in meinem Buch auch noch in eine andere politische Ecke gerückt habe.

Normalerweise gerät den Protagonisten Ihrer Bücher die Welt aus den Fugen. Konrad Lang in Small World erkrankt an Alzheimer, in Ein perfekter Freund erwacht der Journalist Fabio Rossi im Krankenhaus und hat einen Teil seiner Erinnerung verloren. In Der Koch ist es umgekehrt, es ist der Koch, der mit seinen Gerichten die Leute zu unglaublichen Dingen verführt. Wollten Sie einmal die Seiten wechseln?
Die Seiten sind nicht so anders, wie sie glauben. Meine Protagonisten sind eigentlich nie Menschen, die das Leben in die Hand nehmen. Es sind auch meist keine Privilegierten. Und die Identitätsfrage ist bei dieser Hauptfigur wieder sehr stark. Die Frage „Wer bin ich oder wer könnte ich sein?“, stellt sich ihm auch.

War es von vornherein ein Koch, der die Hauptrolle in der Geschichte spielen sollte?
Nein, ich wollte ursprünglich eine Figur haben, die etwas beherrscht, mit dem sie andere Leute beeinflussen kann. Ich dachte erst an jemand, der irgendwelche Zauberkräfte hat, und kam dann erst aufs Essen.

Weil Essen und Kochen auch etwas Magisches für Sie haben?
Natürlich. Weil ich gerne koche und esse. Ich bin der, der bei uns zu Hause am Herd steht.

Das ist eine Art Weltvergessenheit, die sie beschreiben, wenn ihr Held Maravan noch nach Feierabend weit in die Nacht hinein am Herd steht. Geht Ihnen das auch so?
Wenn man nach einem Tag Schreiben in die Küche kommt und das Kochen beginnt, dann ist das schon eine ganz andere Sphäre. Ich kann mir vorstellen, dass jemand, dessen Leidenschaft das Kochen ist, darin ganz aufgehen kann.

Gibt es bei Ihnen dann auch tamilische Küche wie im Buch?
Ich war schon öfter auf Sri Lanka und mag die Küche dort sehr. Ich habe auch wie Maravan ein kleines Currybäumchen.

Martin Suter, 61, ist der derzeit erfolgreichste Schweizer Schriftsteller. Mit 20 Jahren wurde er Werbetexter, später Creative Director einer renommierten Agentur und Präsident des Schweizer Art Director Clubs (ADC). Parallel dazu schrieb er Drehbücher und arbeitete als Reporter. Suter lebt mit seiner Frau und der Adoptivtochter abwechselnd auf Ibiza und in Guatemala.

Die erste Folge seiner Kolumne „Business Class“ erschien 1991 in der Schweizer Weltwoche. Ihr folgten über 700 weitere Geschichten, in denen Suter mit gelindem Sarkasmus die Welt der Vorstände und Manager seziert. Nach dem kompletten Abschied aus der Werbebranche erschien 1997 sein erster Roman Small World. Seit 2002 kommt fast jährlich ein neuer Suter auf den Markt, im vergangenen Jahr Der letzte Weynfeldt. Die Verfilmung seines Romans Lila, Lila läuft derzeit in den Kinos.

Und das stammt aus Sri Lanka?
Ich habe einmal von dort ein paar Setzlinge mitgenommen. Bei der Zwischenlandung in Dubai mussten wir die Erde entfernen, weil es verboten war, Erde zu importieren. Und trotzdem hat eines überlebt und daraus ist jetzt ein ziemlich großes Bäumchen geworden.

Könnte man also sagen, das ganze Buch begann mit einem Currysetzling?
Das wäre schön, aber da würde ich lügen. Die Geschichte entwickelte sich aus der Logik des Plots. Die Figur, die ich mir vorstellte, durfte kein Sternekoch sein, sondern ein Mensch, der mit seinem Talent nicht zur Geltung kommt. Also ein Küchengehilfe. Und wenn man in der Schweiz Küchengehilfe sagt, dann stößt man blitzschnell auf die Tamilen. Als Asylbewerber dürfen sie in der Schweiz nur in bestimmten Branchen als Hilfskräfte arbeiten, in der Spitalpflege, in der Reinigung oder eben in der Gastronomie. Und dann fielen die Puzzlesteine an ihren Platz, als ich in der ayurvedischen Küche eine aphrodisische Sparte fand. Da wurde plötzlich alles ganz logisch.

Ihr Koch verstärkt die aphrodisische Wirkung noch mit Methoden der Molekularküche und benutzt einen Rotationsverdampfer. Haben Sie auch so ein Gerät?
Nein, außer das Buch wird ein großer Erfolg. Ein Rotationsverdampfer kostet um die 8.000 Euro. Was Sie allerdings bei mir finden, sind Destillationsgeräte, auch alte aus Kupfer. Damit mache ich Feigenschnaps, Lavendel- und Salbei­essenzen.

Ihre eigenen Versuche mit der Molekularküche?
Am nächsten kommt der Versuch, selbst Knoblauchgeist herzustellen. Knoblauch ist ein wunderbares Gewürz, gibt aber immer eine Fahne. Ich dachte, vielleicht kann ich das mit destilliertem Knoblauch umgehen. Man würzt mit Knoblauchgeist und hat dann den Geschmack, aber nicht mehr den Mundgeruch.

Hat es funktioniert?
Ich muss ehrlich gestanden noch ein bisschen daran arbeiten. Der Destillationsvorgang selbst ist ein bisschen geruchsintensiv. Außerdem: Wenn man nachher einen reinen Mirabellenschnaps machen will, ist es nicht gut, wenn man vorher in den Apparaten Knoblauch gebrannt hat.

Ich habe beim Lesen unweigerlich an zwei andere Geschichten denken müssen: Die eine war Das Parfum von Patrick Süskind.
Die Frage bekomme ich öfter gestellt. Sobald der Geruchssinn ins Spiel kommt, sagen die Leute, das ist dem Parfum nachempfunden. In allen meinen Büchern riecht es. Aber ich würde nie versuchen, ­Süskind nachzueifern. Daran haben sich schon zu viele verhoben.

Und dann, finde ich, gibt es viele Parallelen zu Ratatouille, dem Disney-Film. Auch da entpuppt sich ein Underdog als Meisterkoch.
Da verrate ich ihnen ein Geheimnis. Bei den Recherchen zu meinem Film kam mir auch in den Kopf, da gab es doch diesen Film mit der Ratte, die so wunderbar kochen kann. Ich habe dann die DVD gekauft. Aber ich muss leider sagen, ich habe den Film noch nicht angesehen.

Sie sind auch Winzer und bauen auf Ibiza Oliven an. Ist das eine noch größere Leidenschaft als das Kochen?
Das Kochen ist eben eine Gebrauchstätigkeit. Meine Frau und ich haben das aufgeteilt. Sie sagt lieber: ‚Ich kann nicht kochen‘, obwohl das nicht stimmt. Dafür muss eben ich kochen. Ich sage dafür: ‚Ich kann keine Koffer packen.‘

Wie kamen Sie zu Wein und Oliven?
Es ist alles so entstanden. Es ist ein großes Stück Land, das wir lange nicht bebauen durften, nachdem wir es 1997 gekauft hatten. Dafür haben wir es dann urbar gemacht. Es standen damals nur ein paar uralte Olivenbäume auf dem Gelände. Auf einmal hat man dann viele Trauben, mit denen man was machen muss. Auch mit den Oliven ist es so. Davon ernte ich im Jahr etwa tausend Kilo.

Es gibt eine Verantwortung, die sich mit den Pflanzen einstellt.
Genau. Meine Frau und ich sind Menschen, die gerne was anfangen, aber nicht mehr aufgeben. Wir sind so pflichtbewusst, dass wir weitermachen, obwohl es uns ein bisschen über den Kopf wächst.

Welche Reben pflanzen Sie an?
Monastrel, das ist die einheimische Sorte hier auf Ibiza. Früher hatten wir auch Cabernet Sauvignon, der gab einen sehr guten Wein, aber er war auch unheimlich arbeitsintensiv und krankheits­anfällig. Deshalb haben wir die Pflanzen zurückgeschnitten und Syrah aufgepropft.




Jörn Kabisch / freitag / Seite 12 / 05 2010

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