Die Graphic Novel «Gift» von Peer Meter und Barbara Yelin erzählt von der Hinrichtung der bis heute wohl prominentesten deutschen Giftmörderin Gesche Gottfried – ein Werk von erschütternder, ja geradezu bedrohlich wirkender Bilddichte.
Als der Kahn, beladen mit Tabakballen, seefahrendem Volk und einer aus London kommenden jungen Schriftstellerin, 1831 am Ufer der Weser anlegt, ist der Himmel wolkenverhangen, grau wie die Fassaden der Stadt und die Gesichter der Menschen, die dort leben. In geduckter Haltung eilt die Schriftstellerin durch die kleinen, windigen Gassen. Hier und da wird geredet und getuschelt – im Dunkel des kirchlichen Arkadenganges, auf ein Fenstersims gelehnt, hinter vorgehaltener Hand oder mit vor der Brust verschränkten Armen. Novalis' These der Verwandtschaft von Wollust, Religion und Grausamkeit scheint sich, wie die soeben Angereiste bemerkt, zu bestätigen. Denn dieser Tage kennt man nur ein Thema: die unmittelbar bevorstehende Hinrichtung der bis heute wohl prominentesten deutschen Giftmörderin Gesche Gottfried.
Diese wahre Begebenheit lieferte den Stoff für Gedichte, Lieder, Theaterstücke und Filme. So beschäftigte sich etwa Rainer Werner Fassbinder 1971/72 in einem Theaterstück und dem gleichnamigen Film «Bremer Freiheit» mit jenem vermeintlichen «Engel von Bremen». Nun erzählt auch die Graphic Novel «Gift» von Peer Meter und Barbara Yelin die Geschichte der zum Tode verurteilten Giftmischerin Gesche Gottfried – ein überaus sehens- wie lesenswerter Historiencomic, konstruiert aus der Perspektive weiblicher Emanzipation.
Die Figur der Rahmenhandlung, eine junge Schriftstellerin, wird von ihrem Verleger von London nach Bremen geschickt, um über die Schönheit der Hansestadt und ihren «liberalen Ruf» zu schreiben. Zuvorderst aber trifft sie nervöse, misstrauische und verhuscht wirkende Städter, die nicht so recht begreifen wollen, dass die so fürsorgliche, wohltätige, ja engelsgleiche Frau Gesche Gottfried eine Mörderin ist. Über Jahre hinweg hat sie, anscheinend ohne Verdacht zu wecken, 15 Menschen mit Mäusebutter, mit Arsen durchsetztem Schmand, vergiftet. Ihre Eltern, Ehemänner, Kinder, Bekannte und Freunde. Nun soll sie für ihre Taten büßen und hingerichtet werden. Die Schriftstellerin, mehr und mehr in den Sog der Schwätzerei hineingezogen, versucht indes, die psychologischen und sozialen Hintergründe, die Mordmotive der Frau, zu ergründen und wird schließlich mit einer von Männern regierten Welt konfrontiert, in der das Urteil über die «Frau als solche», als die von Natur aus Schuld- und Leidtragende, schon längst gefällt ist. Immer wieder fragt die junge Schriftstellerin verblüfft, warum man denn die Leichen nicht obduziert habe, ob es denn niemandem verdächtig vorgekommen sei, dass die Frau regelmäßig Gift kaufte und in ihrem Hause die Menschen reihenweise erkrankten und schließlich ums Leben kamen?