Vom französisch-deutschen Literaturfest «Rendez-vous littéraire!» in Berlin berichtet Clemens Gatzmaga täglich vom 23.-26.4.10
Sind Deutsche und Franzosen nicht mehr als nur «Fremde Freunde»? Diese Frage möchte zumindest das deutsch-französische Literaturfest «Rendez-vous littéraire!» aufwerfen, das gestern Abend seinen Beginn fand. An drei Tagen treten 15 Autoren aus den beiden Ländern in einen Dialog, der den literarisch-kulturellen Beziehungen Deutscher und Franzosen neuen Antrieb verleihen soll. Und gäbe es dafür einen besseren Ort als die Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz gegenüber der französischen Botschaft?
Für uns berichtet vom «Rendez-vous littéraire!» Clemens Gatzmaga. Der 24jährige schloss sein Bachelorstudium der Germanistik und Geschichte mit einer vergleichenden Arbeit über Joseph v. Eichendorff und Haruki Murakami ab. Er ist Autor beim Online-Kulturmagazin artifarti.
Die kreativen Köpfe um Jörg Feßmann, Petra Metz, Micheline Bouchez und Guy Walter haben dieses Projekt ins Leben gerufen, um eine kulturpolitische Aussage zu machen, um – wie es Eröffnungsredner Volker Braun sagte – endlich Schluss zu machen mit der «positiven Indifferenz» der Nachbarländer. Dazu bilden die Autoren Pärchen, lesen Seite an Seite Texte zu einem gemeinsamen Themenfeld. Am Eröffnungstag erwartete die zahlreichen Besucher eine prominent besetzte Podiumsdiskussion und eine Lesung der Prix Goncourt-Preisträgerin Marie NDiaye.
Den Beginn machte der französische Botschafter Bernard de Montferrand, der von einer «positiven Indifferenz» nichts wissen will. Er sieht in dem Literaturfest keinen Neuanfang, sondern eine «weitere Etappe des 200jährigen Austauschs der beiden Literaturen – auch wenn es die Autoren so nicht zugeben wollen». Hölderlins Liebe zu Bordeaux fiele ihm dazu ein, aber man könne noch 30 weitere Beispiele nennen. Fehlendes Interesse an der Literatur des anderen Landes? «Haben wir Talent, dann kommt das Interesse von selbst», glaubt Montferrand und schließt auf Französisch.
Darf und sollte man es sich wirklich so leicht machen? Die anschließende Podiumsdiskussion möchte Aufschluss geben. Aus einer Diskussion wird aber erstmals nichts: Gesprächsleiter Nils Minkmar monologisiert über das tückische Feld der Kommunikation und schwelgt in Erinnerungen an seine Kindheit. Statt um das Kulturgut Literatur geht es zunächst also um den Kuchen von Mama Minkmar. Junior erntet die sicheren Lacher. Auch die anschließenden von Claire Dotriaux gezeigten Videoausschnitte aus Artes „Karambolage“ wissen zu erheitern – etwa mit Wolfgang Thierse oder mit Nudelsalat.
Bei Hans Theo Siepe, dem Nachrücker für Johannes Willms, ist dann Schluss mit lustig. Er haut richtig auf den Putz: Der Rückgang des Transfers deutscher Literatur nach Frankreich sei eklatant. Er spricht mit Sloterdijk von einer «entfaszinierten Nachbarschaft», von einer deutsch-französischen Langeweile gleich der eines alternden Pärchens. Er ist der einzige, der die «Lücke in den Buchhandlungen» klar anspricht. Niemand geht darauf ein. Stattdessen möchte Minkwart mit Pascale Hugues wieder über Fernsehen reden. Die hört nicht zu, also schnell Claire Dotriaux gefragt, die hat aber auch nicht zugehört. Der Gesprächsleiter rettet sich in Sarkozy-Floskeln, dabei wollte er ja gar nicht über den reden. Der ist nun mal interessanter als die Merkel, wirft Jürg Altwegg ein. Es gelingt nicht ganz, wieder zur Literatur zurückzukehren, umso mehr ist die Vorfreude auf die erste Lesung geschürt.