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Interview

Gottes Lärmlizenz
Sieglinde Geisel; Foto: ohe
«Nur im Weltall ist es wirklich still»: Sieglinde Geisel, Kultur-Korrespondentin der «Neuen Züricher Zeitung», hat eine Kulturgeschichte des Lärms geschrieben. Sie kommt zu verblüffenden Einsichten: Lärm entsteht im Kopf - und stellt immer die Machtfrage. Ein Brevier für Geräuschgeplagte.

Frau Geisel, Ihr Buch trägt den  schönen Titel «Nur im Weltall ist es wirklich still». Es handelt von Lärm. Was ist eigentlich Lärm?

Sieglinde Geisel: Am Anfang habe ich überlegt, ob Lärm einfach bestimmte Geräusche sind, die uns ärgern. Ich habe dann alle Leute gefragt, was für sie der schlimmste Lärm sei: Und ich habe kein einziges Mal von zwei Menschen die gleiche Antwort bekommen. Dann habe ich gedacht, es liegt an irgendeiner anderen Qualität, die ein Geräusch zum Lärm werden lässt. Und ich schlug in einem etymologischen Wörterbuch nach: Das Wort «Lärm» kommt von «Alarm», und «Alarm» leitet sich wiederum vom italienischen Schlachtruf «all´arme» ab, «zu den Waffen». Die kürzeste Definition wäre also: Lärm ist ein Geräusch, das uns zur Waffe greifen lässt, wenn wir wollen, dass es aufhört. Das kann jede Art von Geräusch sein. Es ist nicht so sehr das Geräusch selbst, sondern es ist vom Kontext abhängig, in dem wir es erleben.
 
Das heißt also: Lärm ist die subjektive Empfindung, die sich mit dem Geräusch verbindet?
 
S.G.: Genau, oder man kann auch sagen: Lärm entsteht im Kopf. Unser Bewusstsein macht ein Geräusch zum Lärm, indem es das Geräusch deutet und ein Verhältnis dazu hat. Was wiederum viel damit zu tun hat, wie wir zur Quelle dieses Geräusches stehen. Zum Beispiel: Ob wir den Nachbarn mögen oder Streit mit ihm haben, hat einen riesigen Einfluss darauf, wie wir seine Geräusche wahrnehmen und hören. Bis hin zur Lautstärke: Geräusche von jemandem, den man akzeptiert, nimmt man kaum wahr. Bei jemandem, den nicht mag, ist jedes Geräusch zu viel.
 
Lärm entsteht also dann, wenn derjenige, der Geräusche verursacht, feindlich gesinnt ist. Das heißt aber auch: Wenn ein Feind auftritt, kann er Lärm als Waffe benutzen. Wie wird Lärm zur Machtausübung genutzt?
 
S.G.: Es ist eine Form von Macht, die weiter keine Waffen braucht: einfach durch die Besetzung des akustischen Raums. Man kann sich das ganz militärisch vorstellen. Jemand, der ein bestimmtes Territorium mit seinem Schall besetzt, hat dort die Macht – nämlich über die Ohren der Anderen. Man kann sich dem Schall eines Anderen nicht entziehen: Er ist durch die Schallwellen überall in unserem Ohr, und wir können nichts dagegen tun, dass wir das hören müssen. In diesem Sinn gilt im akustischen Raum das Recht des Lauteren.
 
Wie drückt sich das konkret aus? Sie führen auch religiöse Beispiele dafür an, beispielsweise: Wenn Gott spricht, müssen alle zuhören. Inwiefern drückt sich in Gottes Wort seine Macht aus?  
 
S.G.: Wir würden die Worte Gottes nicht als Lärm bezeichnen. Der Mächtige hat eine Art Lärmlizenz: Er darf den Raum mit Schall besetzen, weil er die Macht hat; da haben wir nichts dagegen. Mir ist aufgefallen, dass wir den Donner in der Natur – so laut er auch ist – nie als Lärm bezeichnen. Das liegt daran, dass wir keine Macht über ihn haben; er ist einfach da, und wir können nur staunen und zuhören, sonst nichts.
 
Foto: ohe
Wenn ich annehme, dass es Gott gibt, muss ich auch seine Stimme akzeptieren, und dann werde ich auch sofort zuhören. Er verschafft sich Zugang zu meinem Herzen über die Ohren; ein Organ, dass man nicht verschließen kann. Das reicht bis zu den Kirchenglocken. In einer Gesellschaft gläubiger Menschen würde es niemandem einfallen, das Läuten der Glocken als Lärm zu bezeichnen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche Macht hat. In unserer Gesellschaft, die weitgehend säkular ist, finden wir, dass die Kirchenglocken am Sonntag Lärm sind. Wir wollen ausschlafen und gestehen der Kirche eben nicht diese Lärmlizenz zu. Weil wir uns nicht ihr unterwerfen, unterwerfen wir uns auch ihrem Schall nicht.
 
Aus dem gleichen Grund haben wir Angst vor den Minaretten der Moslems, weil wir denken, dass eines Tages auf dem Minarett ein Muezzin stehen könnte, der mit seinem Schall in unseren Straßen präsent ist. Würden wir ihm das erlauben, bedeutete das, dass wir auch die Macht mit ihm teilen und Moslems wirklich als gleichberechtigte Menschen in unseren Straßen akzeptieren.
 

 



29.05.2010 Oliver Heilwagen
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