Im Mai 2009 gewann Judith Merchant mit ihrem Kurzkrimi «Monopoly» den begehrten Glauser-Preis, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Krimischriftsteller im deutschsprachigen Raum, der im Rahmen des ‹Criminale›-Festivals verliehen wird. Danach ging für die junge Autorin alles wahnsinnig schnell: Verlage und Agenturen traten an sie heran, sie musste Interviews geben und Lesungen absolvieren und geriet erst einmal in eine Schreibkrise. Mit kultiversum sprach sie über ihre ersten Schritte im Literaturbetrieb, Segen und Fluch medialer Aufmerksamkeit und wie sie es geschafft hat, sich wieder auf ihr Schreiben zu konzentrieren.
«Bis zu dem Tag des Preisgewinns war ich einfach eine Autorin, die mit einem dünnen Stapel Kurzgeschichten in der Schublade da saß und gehofft hat, dass irgendjemand etwas druckt», erzählt Judith Merchant. Hauptberuflich hatte die 33-Jährige bis dahin an ihrer Doktorarbeit zu Goethe und Fontane gearbeitet. Mit dem Glauser-Preis und dem plötzlichen öffentlichen Interesse kamen nun von einem Tag auf den anderen Anfragen von Verlagen und Agenturen – «eigentlich eine Traumsituation», so Merchant. Doch der ungewohnte Rummel um ihre Person nahm sie so in Anspruch, dass sie erst einmal drei Monate gar nicht mehr schreiben konnte. Und auch der Einstieg in den Literaturbetrieb erwies sich als Herausforderung: «Viele hatten sofort eine bestimmte Vorstellung von mir und meinem schriftstellerischen Profil.» Doch letztlich bewahrte sie der Ansturm auch vor übereilten Entschlüssen: «Wenn es nur ein Verlag oder ein Agent gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich noch auf der ‹Criminale› alles unterschrieben, weil es mir wie die Erfüllung all meiner Träume vorgekommen wäre», sagt sie rückblickend.
«Plötzlich kam ich mir wie eine Hochstaplerin vor»
Zu der Freude über den gewonnenen Preis und die damit verbundene Anerkennung als Schriftstellerin gesellte sich die Angst, künstlerisch in eine bestimmte Ecke gedrängt und auf eine bestimmte Schreibweise festgelegt zu werden. «‹Monopoly› ist eine ziemlich moderne Geschichte, mit viel nackter Haut, scharfen Messern und ganz schnellen Schnitten – ein bisschen wie im Film.» Die Jury des Glauser-Preises lobte dann auch in ihrer Begründung besonders den neuen, frischen Ton der Erzählung. Ihr Roman indes, an dem sie seit Monaten arbeitete und der bereits zur Hälfte fertig auf dem Schreibtisch lag, war Literatur von einem ganz anderem Schlag, erzählt Judith Merchant: «Er handelt von einer Oma und ihrem Enkel, eine Generationengeschichte mit Miss-Marple-Flair, vermischt mit ein bisschen Drachen und Fantasy und noch dazu im Vergleich zu ‹Monopoly› ziemlich konventionell erzählt». Das habe ihr selbst zwar gut gefallen, schürte aber auch Zweifel: «Plötzlich kam ich mir wie eine Hochstaplerin vor, so als wäre ich unrechtmäßig zwischen diesen ganzen Profis gelandet, hätte zufällig eine wunderbare Kurzgeschichte geschrieben und deswegen trauen mir jetzt die Leute alles Mögliche zu. Ich hatte das Gefühl, dass ich das gar nicht erfüllen kann, dass alle furchtbar enttäuscht von mir sein würden.»