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Schmidts Traum
Foto: Alice Schmidt; Copyright: Arno Schmidt-Stiftung
Ausstellung in der Berliner Galerie Parterre: 40 Künstler setzen sich auf Einladung der Arno Schmidt Stiftung mit dem Werk des «Wortweltenerbauers» auseinander.

Als Schriftsteller kann man sich kaum einen besseren Mäzen vorstellen als Jan Philip Reemtsma. Dem herzkranken Arno Schmidt gewährte der Philologe und Multimillionär Reemtsma 1977 eine großzügige Unterstützung in Höhe der damaligen Preissumme des Literaturnobelpreises: 350.000 DM. Zwei Jahre nach Schmidts Tod gründete er 1981 zusammen mit der Witwe Alice Schmidt eine Stiftung. Diese ist seit dem Tod von Alice Schmidt Alleinerbin der Rechte am Gesamtwerk des «Wortmetzes». Schmidts Andenken soll durch die Stiftung gepflegt, sein Werk für die Nachwelt dargestellt und erforscht und seine Literatur gefördert werden.

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«Literaturen»-Autor Ulrich Rüdenauer berichtet an dieser Stelle jeden Donnerstag von Büchern, Personalien, Verlagen und Trends.

Die Stiftung nimmt diese Aufgaben vielfältig und dank der hervorragenden finanziellen Ausstattung auch sehr umfangreich wahr: Werkausgabe und zahlreiche Veröffentlichungen aus dem Nachlass stehen ebenso zu Buche wie etliche Vortrags- und legendäre Rezitationsabende des Stiftungsvorstands, der aus Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma besteht; die Arno Schmidt-Gedenkstätte in Bargfeld wird unterhalten und ein Preis im Namen des Dichters vergeben. Zuletzt erschien, eine editorische Meisterleistung, das eigentlich undruckbare Mammutprojekt «Zettel’s Traum» in verschiedenen Ausgaben bei Suhrkamp. Und vor einigen Jahren fand im Schiller Nationalmuseum in Marbach unter dem Titel «Arno Schmidt? - Allerdings!» eine große, aufwendige, sensationell kuratierte Ausstellung zu Leben und Werk statt, die Maßstäbe für die Präsentation von Literatur gesetzt hat.

Vielleicht sind diese Superlative einem Autor wie Arno Schmidt, der durchaus einen Hang zum Ausufernden hatte, angemessen: Es gibt kaum ein anderes Nachkriegs-Werk deutscher Sprache, das mit solchem Assoziationsreichtum und solcher Wortgewalt ausgestattet – und dabei zugleich von solch immensem Kontrollwahn beherrscht ist. Arno Schmidt war ein geradezu leidenschaftlicher Archivar und Fotograf, besessen von Landkarten, Statistiken, Wörter- und Jahrbüchern. Selber zeichnete er detailgenaue Karten realer und fiktiver Landschaften, die er dann als »Wortweltenerbauer» in literarische Landschaften verwandelte.

SUta Zaumseil: Friedrich Forssman ordnet Zettels Traum; Copyright: Christoph Beero findet sich im Nachlass etwa eine Karte von Ahlden an der Aller, dem Schauplatz seines Romans «Das steinerne Herz», die während einer Recherche-Reise im Jahr 1954 entstanden ist. Ein solches, auch typografisch komponiertes Werk, das teils aus Bildern entstanden und sich in Text-Bildern fortgesetzt hat, in dem häufig Kunstwerke eine Rolle spielen und die Spannung zwischen Provinz und Metropole spürbar wird, könnte nun wiederum für bildende Künstler eine anregende Inspirationsquelle sein: Das dachten sich die Arno Schmidt Stiftung, die Berliner Galerie Parterre und der Verein Berliner Kabinett. Die drei Institutionen luden 40 Künstler ein, sich mit dem Werk Schmidts und der spezifischen Spannung von Land und Großstadt auseinanderzusetzen und eigene künstlerische Positionen aus dieser Konfrontation zu entwickeln. F.W. Bernstein, Dieter Goltzsche, Uta Zaumseil, Wolfgang Müller oder Thomas Kapielski folgten der Einladung, und auch ein Star wie Georg Baselitz ist mit vier Arbeiten vertreten.

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezensionen über die Ausstellung von Arno Schmidts Fotografien in Remagen.

Die Ergebnisse der Konfrontation sind in Form und Qualität sehr unterschiedlich: Illustrationen, Grafiken, Videoinstallationen, Malereien, Objekte und Collagen sind in der Galerie Parterre bis 20. März zu sehen. «Gerade diese Arbeiten greifen eine Frage auf», sagte Kathleen Krenzlin, Leiterin der Galerie Parterre, bei der Eröffnung der Ausstellung, «die Arno Schmidt beispielhaft umgetrieben hat und die in ‹Zettel’s Traum› einen ihrer Höhepunkte fand: gestalterische Vorstellungen von einem Text zu einer seiner Bedingungen zu machen und ein explizit designerisches Bemühen auf literarischer Ebene vorzuführen. Schmidts komplexes Werk und seine oft in Randlagen des Denkens beheimateten, zuweilen eigenwilligen Ideen und Anschauungen, lieferten den Stoff und legten den Grund für eigenständige künstlerische Fragen und Antworten.»

Der wunderbare Titel der Ausstellung ist übrigens Arno Schmidts Text «Trommler beim Zaren» aus dem Jahr 1959 entnommen: «Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover.» Und dort wollte man, wie Bernd Begemann einst sang, eigentlich gar nicht hin.

19.01.2011 – 20.03.2011
in der Galerie Parterre, Danziger Straße 101, Berlin
Das Begleitprogramm umfasst Vorträge, Lesungen und Filmvorführungen.
Genaueres dazu unter:
www.artefakt-berlin.de/projekt_ausstellung_arno_schmidt.html


27.01.2011 Ulrich Rüdenauer

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