Albertine, «schnell und gebeugt über ihr mythologisches Rad, bei Regen im Harnisch ihres kriegerischen Gummimantels, der ihre Brust wölbte, das Haupt bedeckt mit dem Schlangenhelm» – so kannte man sie. Doch nun folgt im Fahrrad-Artikel nicht nur ein Zitat aus der Pléiade-Ausgabe, sondern auch ein Hinweis auf Entwürfe Prousts, in denen Albertine mit dem heiligen Georg Mantegnas verglichen wird. Und so nascht man dadurch, dass häufig auch Zitate aus den Vorstufen oder Varianten aus den Notizbüchern angegeben werden, am noch ausgebreiteteren Reichtum des Manuskripts, der zwar inzwischen in Editionen gegossen wurde, den aber nicht jeder Leser (bereits) besitzt.
Durch den Artikel wird man jedoch nicht nur mit einem neuen, bisher unbekannten Bild der Androgynität Albertines, das ihr maskuline Züge tragendes Amazonenwesen greifbar vor Augen führt, beglückt, sondern auch mit einer Reihe neuer Stichwörter versorgt, die man nun sofort aufsuchen muss: «Balbec» und «Albertine» und «Mantegna» und «Heilige» – aber einen Eintrag zu «Heilige» gibt es nicht, was doch ein wenig erstaunt. Dafür findet man unter «Mantegna» wieder Erhellendes, und so zieht man immer weiter durch den tausendseitigen Band, von Stichwort zu Stichwort, unterbricht die Lektüre eines Artikels, um einen anderen zu beginnen, notiert sich eine Angabe zu weiterführender Sekundärliteratur, die am Ende jedes Artikels angeführt ist – oder holt, weil ja immerfort Zitate aus dem Werk eingestreut sind, die zur erneuten Lektüre des Romans verlocken, die Bände der «Recherche» herbei, beginnt zu lesen, das Werk und den Kommentar, um dann wieder zur Enzyklopädie zu greifen und dort einen Namen, eine Figur, ein Thema nachzuschlagen.
Was sich nach einer Weile einstellt, ist die Gewissheit, dass diese sorgsam gearbeitete und fakten- und gedankenreiche Enzyklopädie die Kenntnis des Werks noch einmal vertieft und immer wieder das glückliche Staunen hervorrufen wird, wie kunstvoll Motive und Figuren miteinander verwoben, Themen erst angedeutet und später ausgeführt werden; und gewiss ist ebenfalls, dass man beide, dieses Werk, das eine Gattung Roman für sich bildet, und die Enzyklopädie, die eine grandiose Erweiterung, Verschönerung, Vertiefung des bis dahin viel gebrauchten «Marcel Proust Lexikon» von Philippe Michel-Thiriet ist, nie wird auslesen können.
Luzius Keller (Hg.)
Marcel Proust Enzyklopädie – Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung
Aus dem Französischen von Luzius Keller und Melanie Walz.
Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 1018 Seiten, 99 Euro
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