Liebe Frau Nimmermehr,
ich danke Ihnen für Ihre Einladung zu einer Lesung nach Heimbach, muß Ihnen jedoch leider mitteilen, daß ich Ihren sicherlich schönen Ort mit der sicherlich noch schöneren, den Heimbacher Marktplatz dominierenden Buchhandlung in absehbarer Zeit nicht werde aufsuchen können. Ich tippe diese Zeilen auf dem Rücklehnen-Klapptisch eines Flugzeuges, das mich aus Wien nach Köln bringen soll, in Wien habe ich mit einem Vortrag über «Kreative Schreibprozesse» an einem Symposion teilgenommen, den Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus mit einer Lesung eröffnet und mit osteuropäischen Autoren über «Das neue Europa» diskutiert, nachdem ich einige Tage zuvor das Projekt «Weltkulturerbe Mittelrhein-Landschaft» mit einer von achtzig Sängerinnen und Sängern begleiteten Lesung auf Burg Stolzenfels auf den Weg gebracht, mich von Burg Stolzenfels aber noch in der Nacht nach Mainz bewegt habe, wo ich zwei Jury-Sitzungen örtlicher Fernsehsender mit meinen Rede-Beiträgen belebt und einen Antrag für ein Literaturfestival im Rahmen des «Kultursommers Rheinland-Pfalz 2008» eingereicht und begründet habe, nicht ohne am Abend den Mainzer Leserinnen und Lesern mit einer Lesung eine Freude zu machen, die bis 2 Uhr in der Nacht andauerte, weil ich es erst gegen 2 Uhr geschafft hatte, den Leserkreis «Literarisches Mainz» in einem von mir sonst geschätzten Altstadtlokal nieder und sprachlos zu trinken. Nach fünf Stunden sehr unruhigen Schlafs ließ ich wie fast immer das Frühstück in meinem Mainzer Hotel aus und begab mich unverzüglich auf den Weg zum Bodensee, wo ich im Rahmen einer Veranstaltungsreihe «Kulinarischer Herbst» zusammen mit dem in der Region sehr beliebten Fernsehkoch Peter Diebel mein Lieblingsessen (Fischsuppe adriatica) kochte, wobei ich den zweistündigen Kochvorgang mit Auszügen aus meinen Romanen begleitete, deren letzten ich am nächsten Morgen in Zürich in zwei Interviews mit Zürcher Hörfunksendern erläuterte, um am Nachmittag ein universitäres Seminar zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit meiner Anwesenheit zu bereichern, nicht zu vergessen die abendliche Lesung im Schauspielhaus, deren Folgen sich diesmal bis 3 Uhr in der Nacht hinzogen, weil mich ein kleiner, ausgewählter Kreis von Schweizer Literaturfreunden zu einem Wodka-Gelage in eine russische Bar nahe dem Frauenmünster eingeladen hatte. Ich erspare Ihnen die Auflistung meiner weiteren Termine, denn Sie können meinen Ausführungen nun selbst entnehmen, worauf ich hinaus will: Das Leben eines fahrenden Schriftstellers unserer Tage ist mit den längst betulich erscheinenden Lesereisen früherer Tage nicht mehr zu vergleichen. Meist beginnt es in den frühen Morgenstunden Tag für Tag damit, daß man Lesungen und Auftritte durch Interviews mit regionalen Medien vorbereitet und nachbessert, am Nachmittag stehen Tee- und Kaffee-Stunden mit Vertretern des sich in den deutschsprachigen Ländern inflationär ausbreitenden Kulturmanagements an, während auf die abendlichen Lesungen nächtliche Saufgelage folgen, denen ich zum Glück einigermaßen gewachsen bin, weil ich meine Pubertät in Weinregionen am Rhein vor allem weintrinkend durchgestanden und mein Studium zum Teil in München biertrinkend verbracht habe. Tee, Kaffee, Wein und Bier – das sind die hauptsächlichen Nahrungsmittel, mit denen unsereiner seine Tage verbringt, an die üblichen Mahlzeiten ist schon lange nicht mehr zu denken, wie ja überhaupt im eigentlichen Sinne an nichts mehr zu denken ist, das eigene Werk hat sich aufgelöst in Hunderte kleiner Impulse, die es hinaus in unsere regionalen Kulturen versendet, wo solche Impulse in die wiederum eigenen regionalen Interessen verwandelt werden und aus einem Schriftsteller ein multifunktionales und multimediales Wesen gemacht wird, das wie ein Schatten durch Talk-Shows, Events und das Internet gleitet und längst über ein ganzes Bündel professioneller Fähigkeiten jenseits seines Berufes verfügen muß, um überhaupt noch angemessen beachtet zu werden. Zum Glück koche ich passioniert, zum Glück spiele ich noch immer einigermaßen professionell das Klavier, und zum Glück habe ich eine gute, von meinen bäuerlichen Vorfahren im Westerwald geerbte Konstitution, die mich das alles durchstehen läßt, wobei ich mein Schreiben ja noch gar nicht erwähnt habe, mein Schreiben, das längst zu einem Texte-Produzieren zwischen Tür und Angel, auf den Knien oder auf dem Klapptisch einer Rückenlehne in einem Flugzeug von Wien nach Köln geworden ist, wo ich morgen, Sonntagfrüh, an der TV-Sendung «Westart» teilnehmen und mit einigen kritischen Psychotherapeuten über das Thema «Liebe in globaler Zeit» streiten werde, um mir am Mittag zusammen mit einer Kölner Buchhändlerrunde eine schwere Kölsche Brauhausmahlzeit einzuverleiben, die ich auf der nachmittäglichen Weiterfahrt nach Bonn rasch werde verdauen müssen. Rasch, rasch! – das, verehrte gnädige Frau, ruft sich unsereins ununterbrochen zu, und rasch leere ich nun auch mein Glas Prosecco, das nichts anderes als meine Abendmahlzeit darstellt, auf Ihr Wohl, schnalle mich wieder an und erwarte die nächtliche Landung des Flugzeugs in Köln, wo mich ein Taxi sofort in mein Hotel bringen wird, in dem ich kurz vor Mitternacht damit beginnen werde, all die heute eingegangenen Mails zu lesen und sie Stück für Stück so gewissenhaft zu beantworten, als wäre ich noch immer eine Art Hermann Hesse, der bekanntermaßen jeden Leserbrief so beantwortete, als wolle er dem Briefschreiber ganz persönlich die Hand schütteln und ihn zu einem Freund und Wegbegleiter machen für ein ganzes, weiteres Schriftsteller-Leben …
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. In Rom, Mainz, Paris und Göttingen studierte er Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Seit 1988 ist er freier Autor und hat seit 2003 eine Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim inne. Ortheil lebt in Stuttgart, zuletzt erschien sein Roman «Das Verlangen nach Liebe» (2007).