Die Versuchsperson hat ihre linke Hand auf den Tisch gelegt. Der Versuchsleiter deckt sie ab, so dass sie nicht mehr zu sehen ist, und legt eine Hand aus Gummi vor die Person. Nun berührt er mit einem Stäbchen gleichzeitig die verdeckte Hand und die Gummihand. Es dauert nur eine gute Minute, da kommt es der Versuchsperson vor, als sei die Gummihand ihre eigene. Sie spürt nicht nur die Berührung in der Gummihand, diese scheint auch mit ihrem Arm verbunden zu sein. Das Experiment lässt sich erweitern: Mithilfe einer durch virtuelle Realität erzeugten dreidimensionalen Figur eines ganzen Körpers konnten Forscher bei Menschen das Gefühl hervorrufen, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden.
Sachbuch-Leser haben sich spätestens durch die Bücher von Oliver Sacks daran gewöhnt, dass das Gehirn allerlei Merkwürdigkeiten hervorbringt. Der Philosoph Thomas Metzinger hat nun deren Konsequenzen für unser Menschenbild analysiert und verspricht nicht weniger als eine «Bewusstseinsrevolution». Wie kaum ein anderer Philosoph in deutscher Sprache lässt sich Metzinger auf die Ergebnisse empirischer Forschung ein, um zu einer realistischen Antwort auf die alte Frage nach der Natur des Selbst zu kommen.
Was also bedeutet die Gummihand für eine Philosophie des Selbst? Sie zeigt, so Metzinger, dass das, was uns als unser eigener Körper, als Wirklichkeit, ja, als Ich erscheint, ein Konstrukt ist, ein Modell, das unser Gehirn generiert und das wir, naive Realisten, die wir sind, nur für unseren Körper, für die Welt oder für uns selbst halten. Und da unser Gehirn mitnichten die ganze Welt, sondern nur Bruchteile davon wahrnimmt, nennt Metzinger dieses Konstrukt den «Ego-Tunnel»: «eine niedrigdimensionale Projektion der unvorstellbar reicheren und gehaltvolleren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt». Auch das Ich ist ein solches Konstrukt, ein Selbstmodell. Auf die Frage «Wer bin ich?» antwortet Metzinger folgerichtig: niemand. Es gibt kein Ich, nur einen Prozess dynamischer Selbstorganisation. Es ist niemand im Tunnel, wir sind der Tunnel.
Ein philosophischer «Psychonaut»
Mit dem Selbstmodell hat die Evolution eine Art virtueller Realität zustande gebracht, mit der der Körper gelernt hat, sich selbst zu steuern, das eigene Verhalten ebenso wie die eigenen Wahrnehmungen und Emotionen zu kontrollieren und das eigene Denken auf ein Ziel zu konzentrieren. Dass es sich in der Tat um eine virtuelle Realität handelt, zeigen nicht nur die Gummihand, sondern auch sogenannte Phantomglieder: Manche Menschen, die durch einen Unfall ein Körperteil verloren haben, spüren dieses dennoch weiter als Phantomglied. Sogar Menschen, die ohne Arme und Beine geboren wurden, empfinden bisweilen die fehlenden Körperteile: Wir bewegen uns nicht nur in einer virtuellen Welt, wir empfinden auch einen virtuellen Körper, folgert Metzinger.
Der Autor versteht sich als «philosophischer Psychonaut» und wagt sich an Phänomene, um die die seriöse Wissenschaft sonst eher einen Bogen macht: Klarträume und außerkörperliche Erfahrungen etwa. Er berichtet von eigenen und in der Literatur dokumentierten Erfahrungen, in denen Menschen das Gefühl hatten, ihren Körper zu verlassen und von außen darauf zu blicken. Auf solche Erfahrungen führt er Konzepte wie das der Seele, des Geistes, des Astralleibs oder Lichtkörpers zurück. Nach seiner Theorie existiert so etwas durchaus, allerdings nicht als etwas Jenseitiges, das nach dem Tod weiterbesteht, sondern als eine Konstruktion des Gehirns. Seltsamerweise trifft sich diese Theorie mit Formulierungen aus den ältesten Kapiteln der Philosophiegeschichte: Die Seele sei die Form des Körpers, meinte Aristoteles; und Spinoza sprach von der Seele als Vorstellung, die der Körper von sich selbst entwickelt.