Jochen Schmidt verrät, warum er kein eigenes Haus braucht: Ihm genügt es, eine Türklinke zu besitzen
Wie lang muss eine gute Erzählung sein? «Kaiser Quinlang baute eine goldene Pagode für das Haar, das seiner Mutter beim Kämmen ausfiel.» Jedes weitere Wort wäre schon zu viel! «Ein Blauwal nimmt vor dem Sex zwei Kilometer Anlauf.» Auch dieser Roman muss sich vor anderen seines Genres nicht verstecken. «Roger Federer stellt seine Sporttasche neuerdings auf die Bank, nicht mehr auf ein daneben liegendes Handtuch.» Ich sammele solche interessanten Fakten und notiere sie in meinem Tagebuch, zwischen uninteressanten Fakten über mein Gefühlsleben. «Wer kurze Schritte macht, ist als Kind häufiger an der Seite der Mutter als an der des Vaters gegangen.» Was für ein bewegender Text! Und nur einen Satz lang! «2008 ist der älteste Deutsche und letzte Veteran des I. Weltkriegs an den Folgen einer Darm-OP gestorben.» Hätten sie nicht besser aufpassen können beim ältesten Deutschen? Sofort will man mehr wissen.
Viele Romane scheinen mir weniger als die Summe ihrer Teile, die ich mir mühsam aus ihnen heraussuchen muss. Man braucht nicht immer das Ganze, ich habe zum Beispiel kein Haus, besitze aber eine sehr schöne Türklinke, den Rest kann ich mir auch denken. Und man weiß nie, was an den eigenen Aufzeichnungen für die Zukunft noch von Interesse sein wird. Archilochos gilt nur deshalb als erster europäischer Dichter, dessen Lebenszeit wir zuverlässig eingrenzen können, weil er in einem Text eine Sonnenfinsternis erwähnt hat, die sich auf den Tag genau datieren lässt. Sollte ich deshalb erwähnen, dass, von der Öffentlichkeit unbemerkt, die Überraschungseihülsen neuerdings einen aufklappbaren Deckel haben? Wer wäre ich zu entscheiden, was an meinem Leben interessant ist? Ich öffne Arzneimittelpackungen immer zuerst auf der falschen Seite, wo man die Tabletten nicht rausnehmen kann, weil dort die Anleitung im Weg ist. Man muss das nicht aufschreiben, aber ich tue es vorsichtshalber trotzdem. Auch dass es von Michael Schanze eine CD «16 Lieder für mehr Sicherheit im Straßenverkehr» gibt, ist für die wenigsten ein schillernder Fakt, wohl aber für die vielen überfahrenen Kinder, deren Eltern zu geizig waren, ihnen diese CD zu kaufen.
Interessanter als die Dinge, die ich weiß, sind eigentlich nur noch die, die ich nicht weiß. Wäre Helmut Schmidt, wenn er nicht so viel rauchen würde, jetzt schon 100? Ist Sonnencreme ungesund, wenn keine Sonne scheint? Wo steht das kleinste Hochhaus der Welt? Gibt es eine Methode herauszufinden, ob sich meine Waschmaschine beim Schleudern wirklich tausendmal in der Minute dreht? Warum muss ich bei über unseren Köpfen kreisenden Hubschraubern immer denken, sie suchten mich? Leider fällt es mir noch schwer, den Raum zwischen solchen Gedanken mit dem zu füllen, was Leser von einem Roman erwarten. Eines Tages werde ich ein Buch schreiben, in dem dauernd etwas passiert, aber nichts Interessantes steht, doch so weit bin ich noch nicht, es macht mir noch zu viel Spaß zu berichten, dass U-Bahnen eisenbahnrechtlich Straßenbahnen sind. Nicht so viel Spaß, wie wenn wir als Kinder beim Trinken aus unseren gepunkteten Plastetassen im Tee unser eigenes Spiegelbild betrachteten, aber mehr Spaß, als an meinem neuen Roman zu arbeiten. Wenn ich das leugnen wollte, müsste ich lügen!