Patiniertes Altersleuchten, Text-Intelligenz, Kraft: Alte und neue Arten, klassische und quasi-klassische Prosa zu sprechen.
Gert Westphal ist immer noch populär und trotzdem schon fast historisch: mehr Großvater als Vater für die heutige Generation der berufsmäßigen Rezitatoren – Westphals Ehrentitel «König der Vorleser» hing auch mit seiner Omnipräsenz in den deutschen Kulturradio-Programmen zusammen. Noch fünfzig seiner Aufnahmen sind lieferbar, und man legt die jetzt im Tolstoi-Jahr neu aufgelegte «Anna Karenina» mit eher banger Erwartung ein: Ist dies alles nur noch Klassik mit Goldgrund? Und wie hört sich Westphal an, wenn man ihn mit heutigen Stimmen vergleicht?
Hörprobe:
Matthias Koeberlin liest
«Der Himmel ist kein Ort»
von Dieter Wellershoff.
Zuerst jedenfalls ist man verblüfft, über wie viele Register der Nuancierung dieser Vorleser verfügte. Tolstois Roman wird für ihn zur Bühne, auf der er die Künste seiner Modulationsfähigkeit, bedeutsamer Phrasierung, die vielfältigen Schattierungen seines Tons ausstellt. Besinnliche Pausen, Spannung setzendes Anheben und Unterbrechen des Erzählflusses, ein Lächeln, das im Klang der Erzählung hörbar wird, dann wieder fragende Bänglichkeit – zweifellos ist Gert Westphal ein Virtuose, der Effekte auch deshalb so sicher setzen kann, weil das Erzähltempo hier beruhigt ist: Seine Stundengeschwindigkeit liegt deutlich unter derjenigen der allermeisten zeitgenössischen Vorleser.
Blendend ist das, was er da macht, geradezu verblüffend! Noch hat man den Satz im Ohr, mit dem Tolstoi das Gefühl der Prinzessin Kitty Schtscherbazkaja beschreibt, als Lewin ihr einen Heiratsantrag macht: «Eine Empfindung des Glücks und Triumphs beherrschte sie.» Man staunt darüber, wie Westphal diese kleine, nicht weiter aufwendige Feststellung zu einer inwendigen Angelegenheit macht, in der das Wort «Triumph» von den Gefühlen der Prinzessin leuchtet – und doch hält man inne. Diese und andere Kabinettstückchen funktionieren ja nur unter zwei Voraussetzungen. Zuerst: Westphal homogenisiert durch einen Grundton, durch einen Sound vertrauenheischender, väterlicher Milde.
Hörprobe:
Ulrich Matthes liest
«Ein Duell»
von Anton Čechov.
Da ist der gute Onkel nicht fern, Selbstvergnügen und Behagen, leise schwappt Ironie an den Kaffeetassenrand. Denkt man über dieses patinierte Altersleuchten aus Vertraulichkeit und Bonhommie nach, dann erscheinen auf einmal Buch und Vorleser in einem räumlichen Verhältnis zueinander: Westphal sitzt nicht im Text, sondern er präsentiert ihn wie ein kleiner Inszenator, ein Direktor des Erzählten, er lässt die Sätze durch Reifen springen, die der Virtuose selbst ihnen hingehalten hat. Das ist bei aller Kunstfertigkeit nicht frei von Eitelkeit. Und es ist durchdrungen vom Bewusstsein des hohen Rangs des Vorgelesenen – klassisch eben, gültig für immer. Gerade diese kulturell gestützte Selbstgewissheit ist ein Grund, warum wir uns immer weiter von diesem Rezitator entfernt haben.