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hören & sehen: Film

Die Hände des Anderen
Foto: Koch Media
Die Verfilmung von Kurzgeschichten ist eine hohe Kunst. Eine glückliche Hand beweist dabei der Regisseur Richard Eyre, der sich eine Erzählung von Bernhard Schlink vorgenommen hat

Schon Alfred Hitchcock war der Ansicht, dass sich Kurzgeschichten weit besser zur Verfilmung eignen als voluminöse Romane. Sein Rat ist nicht zu verachten, allerdings gilt er nur für Regisseure, die die Phantasie aufbringen, Leerstellen zu füllen und Angedeutetes fortzuspinnen. Der Meister selbst bewies es höchst eindringlich mit seiner Verfilmung von Daphne du Mauriers Erzählung «Die Vögel». Fred Zinnemann fand in einer obskuren Zeitschriftengeschichte namens «Der Blechstern» eines gewissen John W. Cunningham die Vorlage des Westernklassikers «Zwölf Uhr mittags».

Richard Eyres Film nach Bernhard Schlinks Kurzgeschichte «Der Andere» aus dem Band «Liebesfluchten» gehört kaum in diese Kategorie zeitloser Meisterwerke. Als feiner, aber kaum neunzigminütiger Genrefilm ist er im vollen Kinospielplan leicht zu übersehen. Trotz seiner ausgezeichneten Besetzung mit Liam Neeson, Antonio Banderas und Laura Linney war dem Drama seit seiner Festivalpremiere in San Sebas­tian anno 2008 kein großer internationaler Erfolg beschieden.

Jetzt mag der Verleih hoffen, dass dieser auf elegante Art altmodische Film wenigstens in Schlinks Heimatland sein Publikum findet. Das einzige Hindernis: Er entfernt sich ein gewaltiges Stück weit von seiner Vorlage. Und genau das macht ihn so interessant.

Der britische Regisseur hat sich von den gut fünfzig Taschenbuchseiten zu einem klassischen Liebesmelodram anregen lassen, und Freunde von Schlinks schnörkelloser Prosa werden sich fragen, wo er es denn zwischen den Buchdeckeln gefunden hat. «Wenige Monate nach seiner Pensionierung starb seine Frau. Sie hatte Krebs, nicht mehr zu operieren oder sonst zu behandeln, und er hatte sie zu Hause gepflegt.»

Schneller, als es Schlink in den ersten Sätzen gelingt, kann man sich schlechter Nachrichten gar nicht entledigen. Mit klinischer Präzision beschreibt er im Folgenden die Trauer als eine von der Zeit grundsätzlich heilbare Wunde. Um dann mit schnellen Schritten zum eigentlichen Thema zu gelangen: der männlichen Eifer­sucht, geweckt vom Brief eines früheren Liebhabers der Toten.

Und noch bevor die Zeit mit ihrer heilsamen Arbeit fertig ist, kommt ihr diese Eifersucht zuvor. Sie drängt den innerlich Rasenden dazu, nach dem ehemaligen Rivalen zu suchen, dessen Bekanntschaft zu schließen und ihn früher oder später der Lächerlichkeit preiszugeben. Vor allem aber reißt diese Eifersucht mit fatalem Sog jenes zärtliche Vermächt­nis mit sich, das dem Mann von seiner geliebten Frau in der Erinnerung geblieben ist.


Das Andere im Vertrauten

Es ist eine bittere Geschichte über Besitz und Neid, die Schlink da geschrieben hat. Ein Männerdrama, gut beobachtet vor allem in jener Trübung des Blicks auf den Anderen, der nur eine lächerliche Figur sein kann und im Fall des Lebenskünstlers und Aufschneiders, mit dem man es hier zu tun bekommt, ein «Geck». Hitchcock hätte diese Abscheu wohl gnadenlos herausgearbeitet und glatt einen Mord dazu erfunden.

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Richard Eyre betrachtet denselben Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel. Die erste Leerstelle, die er füllt, ist die Frauenfigur selbst, die in der Vorlage nur indirekt eine Rolle spielt. Aus einer Geigerin macht er eine Schuhdesignerin. So vermeidet der Regisseur geschickt das Kino-Klischee der weit gereisten, emotional unausgefüllten Künstlerin.



Daniel Kothenschulte / Literaturen / Seite 90 / 4 2010

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