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Kunst am Buch


An diesen Befehl halten wir uns noch heute, nutzen beharrlich Helvetica, Times, Garamond und wähnen uns sittsam modern, wenn wir die Fraktur oder selbst die maßvolle Rotunda meiden! Noch Rudolf Koch, großer Typograf der Schriftgießerei Gebr. Klingspor, hat sie 1910 so besungen: «Wie dunkler Tannen würziger Harzduft, wie wenn die Amsel weithin durch den Abend ruft, wie des Wiesengrases leichtschwankende Zierlichkeit» sei sie, die gebrochene, deutsche Schrift – welche eines Tages noch die FAZ tilgen wird. Neo Rauch hegt und schaut eben die Schönheit einer alten, ideologisch gedemütigten Schrift.

Vermutlich ist es derzeit klug, Künstler für die Buchgestaltung zu gewinnen. Man schaue sich in einer Buchhandlung um: Der anonyme Designer ist zunehmend in den Schlick des Machbaren und Schreierischen geraten, «Photoshop» und «InDesign» machen alles doll doof, bunt und gleich. Noch letztes Jahr ließen mich nackte Frauenfüße auf jedem siebten Taschenbuch nachdenklich werden. Wähnt man etwa unter den Fußfetischisten Buchkunden, da sie bedeckt über oder unter Büchern hinweg in der U-Bahn die hübschen Sandaletten ihres Vis-à-vis fixieren und also auch Bücher mit Füßen drauf kaufen? – Ich weiß es nicht! Traue aber den Marketings und ihrem Designnachtrab etliche Possen zu.

Seit jeher und heute erst recht adoriere ich darum die geradlinigen Reiheneinbände Alfred Fisterers für Reclam – die schon gefährdet sind! –, die dauernde Raute Jochen Stankowskis für Merve und Willy Fleckhaus’ Entwürfe für Suhrkamp. Der stilistischen Klarsicht des Künstlers Kippenberger verdanken wir einige Ehrenbezeugungen an diese Gestaltungslinien: Er imitierte zu eigenem Zwecke das Layout Reclams, außen und innen mit der Petit Garamond-Antiqua und Merves, mittels verkehrter Raute und typischer Helvetica. Die Leseheftreihe von SuKuLTuR simuliert gleichfalls erfolgreich die Reclam-Gestaltung (mit Erlaubnis!) und hat, wie Reclam einst, Buch-Automaten auf Bahnhöfe gestellt.

Es gibt auch andere Reihen kleiner Verlage, die lange schon einem Künstler die Buchgestaltung überlassen: Der aus dem Maas Verlag hervorgegangene Pulp Master Verlag lässt den Künstler 4000 Titelbilder in Öl auf 90 x 55 malen. Es sind die Vorlagen für den Einband; sie werden in der Verlagsgalerie für 1500 Euro angeboten und gut verkauft. So nährt die Kunst das Buch, das Buch den Verlag, den Künstler, und sich selbst siegelt es Schönheit an.

Thomas Kapielski, Jahrgang 1951, ist Autor, bildender Künstler und im Oberkreuzberger Nasenflötenorchester auch musikalisch aktiv. Zuletzt erschienen seine Bücher "Anblasen" (2006), "Mischwald" (2009), "Zeitbehälter" (2009) und "Sämtliche Gottesbeweise" (2009).


Thomas von Steinaecker, Schutzgebiet
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 388 S., 19,90 Euro.

Claire Beyer, Rohlinge
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 160 S., 17,90 Euro.

Ernst-Wilhelm, Händler Welt aus Glas
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 608 S., 25 Euro.

Quim Monzó, Tausend Trottel
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 128 S., 17,90 Euro.

Günter Hack, ZRH
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 272 S., 19,90 Euro.

Hans Christoph Buch, Reise um die Welt in acht Nächten
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2009. 256 S., 19,90 Euro.

 



Thomas Kapielski / Literaturen / Seite 48 / 11 2009

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Markus Repik
von Markus Repik am 07.12.2009 13:33 Uhr

 Kapielski hat wie so oft recht. Und daher an dieser Stelle nur der Hinweis auf das exzellente Buch "Fraktur mon Amour" aus dem mindestens ebenso exzellenten Verlag "Hermann Schmidt aus Mainz" inkl. einer CD-ROM mit über 100 frei verwendbaren Frakturfonts. Wer sucht jetzt noch Weihnachtsgeschenke?

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