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Wer ist Thomas Pynchon?

Ein U-Boot im Wüstensand?
Zwischen Paranoia und Klamauk, Idealismus und Anarchie, Groucho Marx und dem Una-Bomber – in seinem neuen Roman bewährt sich Thomas Pynchon als grandioser letzter Vertreter der Postmoderne

Die Spur des Unbekannten führt ganz klassisch nach Ithaca, zu jenem idyllischen Heimathafen, in den dieser Odysseus nach seiner Ausfahrt allerdings nie mehr zurückgekehrt ist. Dort, hoch oben im amerikanischen Bundesstaat New York, an der Cornell University, studierte Thomas Pynchon in den Fünfzigern, unterbrochen von zwei Jahren Militärdienst bei der Marine, Literaturwissenschaft und Physik und begann dabei zu schreiben.

Einer seiner Lehrer war der russische Emigrant und Revolutionsflüchtling Vladimir Nabokov, dem der weltweite Erfolg von «Lolita» bald ermöglichen sollte, die akademische Arbeit aufzugeben und sich in ein Schweizer Hotel zurückzuziehen. Mehr als seine unleserliche Handschrift soll Nabokov (oder vielmehr seiner Frau Vera, die die Seminararbeiten korrigierte) an dem Studenten nicht aufgefallen sein, aber schön wär’s doch, wenn sich nach all den Jahren in einem Archivschrank ein Schrieb fände, in Geheimtinte womöglich, zweisprachig natürlich, mit dem Vladimir Nabokov seinem Meisterstudenten Thomas Ruggles Pynchon die Fackel weiterreicht und damit als letzte Hausaufgabe stellt, die amerikanische Literatur zu retten.

Er hat die schwere Aufgabe übernommen, er obliegt weiter dieser Pflicht und ist dabei doch immer der fleißige Cornell-Student geblieben. Als Pynchon 1984 einen Band mit seinen frühen Erzählungen veröffentlichte, nannte er ihn und sich «Slow Learner» (Spätzünder), und noch heute lernt er wie ein Besessener, um dann seinen Lesern mitzuteilen, was ihn in den letzten Jahren beschäftigt hat: die Thermodynamik, das Raum-Zeit-Kontinuum, die Quantenphysik oder die Nullstellen der Riemann’schen Zeta-Funktion, wie sie der Mathematiker David Hilbert als Problem formuliert hatte.


Meister der anspruchsvollsten Bücher der Welt

Mit dem neuen Buch, das den notfalls James-Bond-kompatiblen Titel «Against the Day» trägt und kaum vor Ende 2008 in deutscher Übersetzung vorliegen wird, überfordert er seine Verehrer wie gewohnt. Physikalisch sind die Reaktionen auf den jeweils neuen Pynchon-Roman immer gleich: Die Spannung wächst, sobald ein neuer angekündigt wird, Gerüchte über Thema und Personal machen die Runde, allerlei Halbwissen wird kolportiert, erhitzt wird über möglichst esoterische Fragen diskutiert, bis die Erregung unweigerlich zusammenfällt, wenn das Buch endlich da ist und ein Kritiker dem anderen versichert, er habe aber schon größere Zwerge gesehen, und früher sei Pynchon aber besser gewesen.

Abgesehen davon, dass früher alles besser war, nicht zuletzt das kritische Urteil, verdankt die Welt (oder jener kleine Teil davon, der zu lesen versteht) Thomas Pynchon die anspruchsvollsten Bücher, die sich denken lassen. Da sie zugleich die komischsten sind und dieser Humor bei aller Liebe manchmal recht fragwürdig ist, weiß der von der handelsüblichen Ware eingedeckte Leser oft genug nicht, woran er bei diesem Autor ist.

«Against the Day» beginnt 1893 mit einer Luftschifffahrt zur Weltausstellung in Chicago. Sechs «Chums of Chance» reisen in dem Gefährt mit dem seltsamen Namen «Inconvenience» (was doch wohl Unbequemlichkeit bedeutet) und tragen so kuriose Namen wie Randolph St. Cosmo und Chick Counterfly, um noch von dem Hunde Pugnax zu schweigen, der zwar ordnungsgemäß bellt, aber damit auch mitteilt, was er gerade liest. Nur vom Besten natürlich und ganz auf der elaborierten Höhe der Zeit: Henry James.

Aus den Ballons, die in Pynchons Roman «Mason & Dixon» (1997) die Grenze zur Wildnis zugleich markierten und beobachten sollten und, wen wundert’s, wichtiger Teil einer gewaltigen jesuitischen Verschwörung gegen die Aufklärung waren, ist ein präzeppelines Luftschiff geworden, noch mehr Jean Paul und dem Mondfahrer Cyrano de Bergerac verpflichtet als dem gleichnamigen Grafen oder den Brüdern Wright – ein Transportmittel der technischen Phantasie, in gehörigem Abstand zur drunter wegfliegenden Welt, der erst die rechte Draufsicht garantiert. Luftballon, der Hund, die fünf (sechs) Freunde, Weltausstellung. Meint er das alles ernst?

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Willi Winkler / Literaturen / Seite 14 / März 2007

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