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Sigmund Freud. Aus der Traum

Die Mischpoche der Psychoanalyse ist weiblich
Frauen haben die Psychoanalyse einst erfunden, heute kehrt sie zu ihnen zurück: Bücher von Töchtern, Enkeltöchtern, Nichten und Historikerinnen beherrschen die Neuerscheinungen. Und alle kreisen um den Patriarchen Sigmund Freud. Ein Familienroman

Es ist nach wie vor unklar, warum die Natur vor 200 bis 300 Millionen Jahren das Y-Chromosom in die DNA eingeschleust und damit die männliche Variante der Säugetiere erfunden hat. Vor gut einhun­dert Jahren setzte die Psychoanalyse zwar zu einer wissenschaftlichen Erklärung an, aber sie ist groß geschei­tert. Ihr gelang es lediglich, das gegengeschlechtliche Gebiet der reinen X-Chromosomenpaare zu erobern, das Freud noch 1926 als dunklen Kontinent bezeichnete: die weibliche Sexualität. Die Frauen, ihr Wünschen und Sein, sind inzwischen entschlüsselt, alle Flächen, Winkel und Schründe ihres Seelenlebens kartografiert und verzettelt, ganz wie ihr Körper, dessen intimste Schleimhäute die Pornoindustrie für alle Augen ausgeleuchtet hat.

Die Psychoanalyse scheint ja nichts anderes als das Ereignis zu sein, Frauen über alles sprechen zu lassen, was ihnen durch den Sinn geht, und dies so ausgiebig, erfolgreich und zum Teil auch so lukrativ, dass sich daraus eine weltweite Bewegung bilden konnte. Jenes ewigweibliche «Weh und Ach», das Goethes Mephistopheles dem verwirrten Schüler erklärt, wird nicht mehr «tausendfach aus einem Punkte» kuriert, sondern in einen langen Rede­strom kanalisiert, gefiltert und abgeleitet. Zwar haben sich auch Heerscharen von Männern auf die Couch gelegt, um sich von Ängsten, Zwängen, Wahn und Perversion heilen zu lassen, aber Männer sind nicht durch Redenlassen zu heilen. Aus ihrem Stocken und Assoziieren auf der Couch fließt keine Katharsis. Erst recht lassen sie sich nicht das Geheimnis entreißen, warum die Natur sie überhaupt gewollt hat.


Alles, was Männern Spaß macht: Sex und Macht

Freud, der selbst bekannte, dass er sein Inneres nicht auszusprechen vermochte, schrieb großartige Fallgeschichten über einige seiner männlichen Patienten, über den kleinen Hans, den Wolfsmann, den Rattenmann, ebenso über den Senatspräsidenten Schreber, obwohl der nicht sein Patient war. Zwar führten alle diese kanonischen Fälle stets auf direktem Wege zu Mama und Papa und wieder von ihnen weg, aber nicht zur männlichen Seele und deren genetischem Programm, die nur ein dünnes Diaphragma aus Sprache voneinander trennt. Diese Mama-Papa-Historie, der «Familienroman» der Neurotiker, wie ihn Freud nannte, erzählt davon, dass es Männern in ihren tiefsten Trieben um Macht und Sex geht, was für Freud ein und dasselbe war. Aber was noch? Gibt es vielleicht noch etwas, das der Mann will? Folgt man Freuds Spekulationen, die er an die Beobachtung seiner Zwangsneurotiker anschloss, dann ist es dies: Jenseits des Lustprinzips will der Mann den Tod.


Redeflüsse spülen Seele aus

Das wird man von Freuds Patientinnen nicht sagen können. Ihnen ging es wie allen Frauen um Liebe, Liebe, Liebe, und selbst wenn sie heute Bundeskanzlerinnen sind, hat sich das nicht geändert. Die Liebe und der Liebeswunsch, das scheint allerdings klar, sind nicht zu so sensationellen Kulturleistungen fähig wie Hass und Aggression. Das ist der Grund, warum die so genannten Großen dieser Welt, von Cäsar bis Nietzsche, diese Frauen, die immer nur Liebe wollen, aus tiefstem Herzen verachten.

Genauer gesprochen, ist die Psychoanalyse die Wissenschaft von der durch Männer gestörten Liebesrede. Nicht Freud, sondern Frauen haben die Psychoanalyse erfunden. Es waren die großartigen hysterischen Patientin­nen, deren Fälle Freud und Josef Breuer in dem frühen Büch­lein «Studien über Hysterie» erzählten, die Stars der Lähmungen, Sprachstörungen, Halluzinationen und Phobien, wie Anna O., Frau Emmy von N. oder Miss Lucy R.

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Manfred Schneider / Literaturen / Seite 10 / Mai 2006

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