Margaret Atwood ist die Erfinderin und Verkünderin der kanadischen Literatur – und deren berühmteste Repräsentantin. Sie erzählt von der äußeren und der inneren Wildnis. Jetzt hat sie eine Art Autobiografie geschrieben. Ein Besuch in Toronto
Die Wildnis ist auf dem Rückzug, allenthalben auf Erden. Vor hundert Jahren gab es im Norden Kanadas noch unbetretene und unvermessene Natur, etwa in Labrador und Quebec – ein Urwald-, Seen- und Flussgewirr, rau und undurchdringlich genug, um Expeditionen scheitern zu lassen. Wie etwa die Kanu-Tour der Entdecker Hubbard und Wallace, Amerikaner naturgemäß, die sich 1903 im Landesinnern von Labrador verirrten, wobei Wallace fast und Hubbard ganz verhungerte.
Die Wildnis ist auf dem Rückzug. Noch in den 1940er Jahren war sie unzugänglich genug, dass der kanadische Biologe und Entomologe Carl Edmund Atwood seiner Familie dort Zuflucht bieten konnte. In seiner entlegenen Waldinsekten-Forschungsstation in Nord-Quebec konnte er seine Familie von den Zeitläuften gänzlich fernhalten. Das ermöglichte seiner Tochter Margaret, die genauso alt war wie der Zweite Weltkrieg, eine glückliche Kindheit in freier Wildbahn, fernab von Kriegsgeschehen und Kriegsnachrichten, fernab auch von allem Schulzwang. Am Vormittag wurde sie von der Mutter unterrichtet, am Nachmittag brachte ihr der ältere Bruder Schwimmen und Kanu-Fahren bei, am Abend der Vater Arithmetik. Das übrige Weltwissen kam aus Büchern und der harten Schule der nordischen Natur.
Die selbstgebaute väterliche Holzkate auf einer Insel in einem der unzähligen Seen Quebecs, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Radio, ohne Wasserleitung, das nächste Dorf am anderen Ufer zehn Kilometer entfernt – als Leitmotiv taucht diese Log Cabin immer wieder auf in den Romanen und Erzählungen Margaret Atwoods. Für diese Autorin ist die Wildnis ein vieldeutiges Symbol: Zuflucht und Kindheitsparadies, Sitz des Unbewussten (wer weiß, welche Ungeheuer sich in den Tiefen des Sees verbergen?), aber auch ein gefährlicher Ort, an dem sich die winzigste Unachtsamkeit, das kleinste Versehen, die geringste Unvorsichtigkeit tödlich rächen können. Nur wer keinen Fehler macht, kann hier überleben.
Hubbard und Wallace beispielsweise, so erklärt der Vater noch Jahrzehnte später der Tochter, während sie gemeinsam in den alten Expeditionsberichten lesen, vergaßen, ein Fischnetz und ein Extra-Paar Mokassins mitzunehmen. Sie konnten daher keine Fische fangen, außer mit der umständlichen Angelrute, litten Hunger und endeten damit, dass sie ihre kaputten Mokassins kochten und aßen. Danach waren sie natürlich erledigt. Falsche Ausrüstung und falscher Proviant, befindet der Vater. Er selbst ist durch einen Schlaganfall zwar in den Lehnstuhl gezwungen, aber trotzdem immer noch dazu aufgelegt, einzig richtige Expeditionslisten zusammenzustellen.
Eine Art fiktives Selbstportrait
«Das Labrador-Fiasko» heißt eine der elf Geschichten, die Margaret Atwood in ihrem neuen Band «Moralische Unordnung» versammelt. Es sind Erzählungen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden, aber so miteinander verknüpft sind, dass daraus die Umrisse einer Familien- und Lebensgeschichte entstehen, die mit den Eckdaten von Atwoods eigener Biografie von der Kindheit bis zur Gegenwart übereinstimmen. So ergibt sich, in einzelnen Puzzlestücken, über ein Lebensalter hinweg das Bildnis einer Frau, die vielleicht Margaret Atwood selbst sein könnte – eine Art fiktives Selbstportrait. Was der deutsche Verlag als «Roman» annonciert, ist viel eher ein Geschichten-Zyklus, zusammengehalten von ein und derselben Hauptfigur, die mal als Ich-Erzählerin auftritt und mal von sich selbst in der dritten Person, als Nell, berichtet.
Ist dies nun der erste fast unverhüllt autobiografische Band in Margaret Atwoods umfangreichem Œuvre? Oder sollte man «Moralische Unordnung» eher als autobiografisch inspirierte Fiktion bezeichnen?
«Die Erzählerin ist nicht identisch mit der Autorin. Alle Ereignisse in dem Band sind real, aber nicht alle realen Ereignisse sind notwendigerweise darin enthalten», antwortet Margaret Atwood, ganz Lady Orakel. Wir sitzen in ihrem Lieblingslokal, der Espresso-Bar «Mercurio» in der Bloor Street in Toronto. Sie sieht verfroren aus und wärmt sich am heißen Tee, denn es ist empfindlich nasskalt an diesem rauen kanadischen Maientag. Ihr grauer Lockenkopf wirkt windzerzaust und regenfeucht. Am Nordufer des Ontario-Sees sind unter «Frühling» zumeist eisige Winde und Regenschauer zu verstehen, weshalb die Einheimischen ihre wattierten Jacken gar nicht erst ablegen. Und die Hochhaus-Türme im Finanz-Viertel in Downtown Toronto ragen nicht in die freie Luft, sondern verschwinden meist im tief hängenden grauen Gewölk.