Liest man die Prosastückli, allerzarteste Liebesgeschichten, alltäglichste Alltagsbeobachtungen, abwegige Sonntagsspaziergänge, Splatter-Szenen (und als er nichtswissend, nämlich schlafend, dalag, entfernte sie von seinem Wesen, was ihrer Meinung nach keinesfalls dazu paßte. Sogleich begab sie sich mit dem Gegenstand, der mehr einem Würstchen als dem Lauf einer Kanone glich, in die Küche, nahm eine Bratpfanne vom Gestell herab, fettete sie zuerst gehörig ein, legte dann das Ding hübsch hinein, bis es wie eine Bratwurst brötelte. Glaubt ihr, daß es ihr schmeckte, als sie’s aß?), Schneelandschaften, Träume und Tagträume, Bekenntnisse und Boshaftigkeiten, Kalauer und Tieftraurigkeiten: Man wundert sich, was seinerzeit unterm Strich der Feuilletons abzudrucken möglich war. Auch wenn Eduard Korrodi, der mächtige Literaturredaktor der «Neuen Zürcher», es immer ein «Wagnis» fand, ein Stück von Walser zu bringen, da gebe es böse Briefe von irritierten Lesern.
Insgesamt aber, so Echte, «waren die Feuilletons der zwanziger Jahre literarisch ausgesprochen experimentierfreudig, geradezu süchtig nach Neuem, nach ungewöhnlichen Erzählhaltungen
und Schreibweisen. Das war für Robert Walser ein Terrain, auf dem er sich quicklebendig bewegen konnte.» Der Hinweis auf den ursprünglichen Bestimmungsort dieser so seltsam hüpfenden, mal zauberhaft musikalischen, dann ausstudiert hinkenden Prosa, gibt auch dem Publikum von heute einen Schlüssel zu den WalserWundern: «Das ist Fünfminutenunterhaltung, ein kurzes Spiel zwischen Leser und Autor. Als Buch, das man von vorn bis hinten durchliest, war es nicht gedacht. Eine Art Konfekt, das kann man nicht massenhaft in sich hineinfressen, sonst verdirbt man sich den Magen …»
Schreiben mit Meisterleistungsbewusstsein
Den eigenartigen Sog von Walsers Sprache hat Joseph Viktor Widmann schon in einer Besprechung des allerersten Buchs «Fritz Kochers Aufsätze» formuliert: «Am meisten ärgerte manche Leser, daß sie die Sachen, obschon sie sie ‹absurd› fanden, doch immer zu Ende lesen mußten. Es lag etwas Suggestives in Walsers Art, seine eigentümlichen Gedanken so ohne Hast und Nachdruck fast wie sanft gleitende Billardbälle auf grünem Tisch hervorrollen zu lassen. Und ein Traumzauber umfing den Leser mit der Ahnung von etwas ganz nahe vorbeigeschwebtem sehr Schönem.»
Als Konfekt genommen, ist den Mikrogrammen der letzten Jahre in Bern bis zum Verstummen in der Anstalt Waldau, ein stärkerer Bitter-Anteil anzumerken. Mehr noch als früher schreibt der Schreiber vom Schreiben selbst: Schnell noch vor zwölf Uhr mittags gelang mir eine winzige Prosastücksmeisterleistung, obschon ich diese Nachricht für äußerst geschmacklos halte. – Noch umflattern den Schriftsteller, sobald er sich zu schriftstellern entschließt, Fröhlichkeiten, als käme mir die Schriftstellerei komisch vor, und derart mag es gekommen sein, daß ich viel Ernstes für mich behielt. Bei allem Meisterleistungsbewusstsein scheint ihm die Literatur selbst mehr und mehr komisch vorzukommen, und am Ende behielt er dann alles für sich. Bernhard Echte legt das Blatt wieder in den Kartonumschlag. «Es gibt in diesen letzten Stücken einen Grundzug der Skepsis gegenüber der Literatur, ob sie überhaupt etwas Wesentliches über das Leben auszusagen vermöge, ob das Leben des Literaten nicht vielmehr eine Art der Lebensvermeidung oder des Rückzugs vor dem Leben ist. Es gibt sehr lakonische nachdenkliche Gedichte, die nur noch den Schluss zulassen: Es gibt nichts zu verstehen, es gibt nichts zu sagen, als dass man das Leben selber lebt und den Bleistift weglegt.»
Das einst so stolze Turmdach ist verschwunden
Unter einem grauen Himmel fahren wir mit der Bahn am westlichen Seeufer entlang, zwanzig Minuten bis zum Bahnhof Wädenswil, und noch einmal zurück zum jungen Walser. Denn in dem kleinen Ort, in der Villa Abendstern des glücklosen Erfinders und Ingenieurs Carl Dubler, arbeitete Walser von Juli bis Dezember des Jahres 1903 als Gehülfe. «Der Gehülfe» nannte er dann 1907 in Berlin seinen zweiten Roman, der Patentinhaber der leider ganz erfolglosen «Reklame-Uhr» und eines Gewehrmunitionsverkaufsautomaten heißt hier Tobler, und wie sich Literatur und Leben in diesem Fall zueinander verhalten, macht Bernhard Echte in einer Hausführung durch die Villa Abendstern deutlich, die er vor zwei Jahren vor dem Abbruch rettete, indem er die Beinah-Ruine kurzerhand selbst kaufte, durch statische Baumaßnahmen vor dem Abrutschen den Hang hinunter bewahrte, und die er heute bewohnt und restauriert nach der Vorlage von Walsers erfolgreichstem Roman.