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Reportage

Wie nötig sind nicht mitunter die Sanften
Eine Reise in Robert Walsers "Bleistiftgebiet"

Zürich, im Januar: Kein bisschen Schnee, immer noch nicht. Heute aber ist «das Föhnfenster auf», wie Bernhard Echte sagt, und man kann trotz grauem Himmel weit in die Alpen sehen, als fingen sie gleich hinter dem See schon an. Vor der «Kronenhalle» steht Günter Netzer, als wäre das ganz normal; ist es auch, denn er wohnt nicht weit von hier. Und nur ein paar Minuten später, an der Station der Seilbahn zum «Rigiblick» treffen wir Sibylle Berg, auch eine Neu-Zürcherin. Wohin wir denn wollten. Zum «Alkoholfreien Kurhaus», auf Robert-Walser-Spurensuche, sage ich. Der sei doch wohl schon tot, meint sie. Anders als der Martin Walser. – Dass Büchner und Joyce da oben ja auch begraben liegen, erwähnt nun Walser-Forscher Echte. «Alle tot! Ist das traurig», sagt Sibylle Berg noch und steigt dann auf der Mittelstation aus.

Ein Walser-Spaziergang mit Bernhard Echte, der seit 1981 im Robert-Walser-Archiv arbeitet, fängt bei den alten Römern an, die hier siedelten, wo die Limmat üerquerbar war; er passiert den Kreuzgang des Großmünsters, wo es «das wahrscheinlich früheste Selbstportrait eines Künstlers» zu sehen gibt (der Steinmetz hat sich ein Denkmal gehauen), er streift die bewegte Geschichte der Zürcher Zünfte ebenso wie den Niedergang des dadaistischen Cabaret Voltaire zu einer finster verglasten Club Bar. Die Spiegel­gasse: hier wohnte Lenin, nebenan Büchner, nicht weit Gottfried Keller, in dessen Stadtschreiber-Residenz später Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Hier besuchte Goethe Lavater. Hier wird die Zürcher Welt- und Literaturgeschichte in Gedenktafeln erzählt. Nur von Walser keine Spur. Robert Walser wohnte Spiegelgasse 16. Das Haus wurde in den fünfziger Jahren im Zuge einer Altstadtverschönerung abgerissen. Kein Walser-Haus, keine Plakette. Typisch Walser, sagt Echte.

An Hauswänden, um Walser-Gedenktafeln daran anzubringen, würde es in Zürich nicht fehlen. Mindestens siebzehn Adressen sind für die sieben Jahre nach 1896 bekannt, die der Dichter und Commis Walser in dieser Stadt lebte und arbeitete, als Kontorist bei der Schweizerischen Transport-Versicherungsgesellschaft, als Hausbursche, als Angestellter der Zürcher Kantonalbank, bei der Schweizerischen Kreditanstalt und den Maschinenfabriken Oerlikon und Escher-Wyss und, wenn es keine Stelle gab, dann eben in der «Schreibstube für Stellenlose» im Haus «Zum Steinböckli» an der «Schipfe» gleich am Limmat-Ufer, wo auch Simon Tanner in «Geschwister Tanner» Beschäftigung findet.


Der war ja verrückt

Walser wohnte Aemtlergasse 6 in Außersihl, Froschaugasse 18 und Trittligasse 6 in der Altstadt, er bewohnte auch ein romantisches Gaubenstübchen beim Steinböcklihaus. Einige der Häuser stehen noch, man kann sie besuchen und sich den Dichter in kleinen Dach- oder Hinterzimmern vorstellen, aber in ganz Zürich eine Walsertafel vergeblich suchen. «Die offizielle Schweiz identifiziert sich mit Walser überhaupt nicht», sagt Bernhard Echte. «Die Leute sind vorsichtig hier. Zum Zitieren in öffentlichen Reden taugt er schlecht, da hat man Angst, sich lächerlich zu machen. Weil man weiß, der war ja verrückt.» In Biel, dem Geburtsort, haben sie eine Tafel hingehängt, aber an das falsche Haus. Typisch Walser, sagt Echte.

Und dann sind wir oben angekommen am «Rigiblick», beim Büchner-Grab, aber auch beim ehemaligen Alkoholfreien Kurhaus. Er sah ein großes, doch nicht unzierliches Haus vor sich stehen, an der Stelle, an der früher das Chalet aus Holz stand, in das er so oft hineingegangen war… Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errich­tet worden, und es wurde, wie es den Anschein hatte, fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete Menschen gingen aus und ein. Heute ist das «Rigiblick» ein wenig heruntergekommen, und unter der verwitterten, aber noch gut lesbaren Aufschrift ALKOHOLFREIES RESTAURANT prangt die Plakette der Feldschlösschen Brauerei. Der Walser-Wanderer hat übrigens die Wahl zwischen zwei Kurhäusern, die das Vorbild für Simon Tanners Ziel im letzten Kapitel der «Geschwister» abgeben könnten; denn auch das wenig weiter gelegene, heute sehr schicke Hotel Zürichberg war von den wohltätigen Schwestern Orelli in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts als Abstinenz-Kurhaus mit Fernsicht errichtet worden. Hier also, oder da, ließe sich vorstellen, war der flatterhafte Jüngling Simon in Walsers erstem Roman von der Vorsteherin am Ende geküsst worden. Wissen Sie, daß ich Ihre arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen Sie nur.

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Holger Noltze / Literaturen / Seite 62 / Juni 2001

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