kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Thema

Bob Dylan. Poet
Über die Einheit von Schreibstimme und Singstimme, Schrift und Lied: Warum es an der Zeit ist, dass Bob Dylan endlich den Literatur-Nobelpreis bekommt

Es gab Zeiten, in denen der Satz «Und außerdem sollte Bob Dylan den Nobelpreis bekommen!», hinausgeschleudert am Ende einer beliebigen Literaturdebatte, die Grenze zwischen zwei Lagern markieren sollte. Die meisten English Departments dieser Welt zerfielen in sie, zunehmend dann auch andere Literaturabteilungen der Universitäten und natürlich die Welt der Feuilletons und Fanzines. Die beiden Lager hießen, kurz gefasst, Establishment und Counter Culture. Das ist lange her.

Denn dass Dichtung, Musik und Aufführung zusammengehören und dass sie in dieser Einheit ein Teil der täglichen Erfahrung sind: das ist, wie immer es sich mit irgendwelchen romantisch verklärten Vergangenheiten verhalten mag, doch jedenfalls unsere mediale Gegenwart. Wer die Welt der Poesie noch immer strikt aufteilen wollte in die Gutenberg-Galaxie auf der einen und die Welt der Klänge auf der anderen Seite, wer damit gar noch Wertungen verbände, die mit der Ausnahme von Oper und Kunstlied (freilich nicht eben alltäglichen Kunsterfahrungen) nur das gedruckte Wort als überhaupt künstlerisch in Betracht kommend gelten ließen und im übrigen weit da draußen noch eine Unkultur von Schlager und Bubblegum ahnten: der müsste wohl sehr weit außerhalb dieser Gegenwart zuhause sein. Oder Mitglied der Schwedischen Akademie.

Wir sind umgeben von Song Poetry, nur das Nobelkomitee hat davon, scheint es, noch nichts mitbekommen. So haben sich auch Dylan und seine Songs längst schon als Teil einer Weltkultur etabliert, in der sich mit den strikten Unterscheidungen von U und E, Hoch- und Popkunst auch die verbissenen Kulturkampf-Posen der Post-68er-Zeiten verloren haben. Im «Oxford Book of American Poetry» ist Dylan – als Dichter eigenen Rechts, aber auch als Referenzautor zeitgenössischer Poeten – so selbstverständlich vertreten wie Robert Johnson oder T. S. Eliot, und irgendwo zwischen dem Blues-Magier der schriftfernen Songwelt und dem kulturkonservativen Modernisten einer skeptischen Bildungskultur verläuft wohl auch sein Weg. Und da der langjährige Sekretär der Akademie, Horace Engdahl, der in schöner Offenheit zu verstehen gab, er habe grundsätzlich etwas gegen die amerikanische Kultur, sich mittlerweile aus seinem Amt zurückgezogen hat, wäre es vielleicht an der Zeit, die alte Frage unaufgeregt wieder aufzunehmen.


Dylan in tadelloser Haltung, mit Talar und Doktorhut

Doch die Akademie in Stockholm ist nicht das einzige unbeugsame Dorf, in dem sich das Lagerdenken lange gehalten hat. Dass von Songpoeten wie Dylan geredet wird wie von anderen Künstlern auch, dass längst auch Musik- und Literaturwissenschaftler sich mit seinem Werk beschäftigen wie mit demjenigen Ginsbergs oder Eliots, Wagners oder Stockhausens, und dass sie das mit derselben Begeisterung tun wie die wunderbaren Macher der zahllosen täglichen Internet-Fanseiten: das ist auch manchen Popkritikern ein Ärgernis, aus umgekehrten Gründen. Nicht etwa dass Bücher über ‹den Mann und sein Werk› geschrieben werden, ist der Stein des Anstoßes; das hat beispielsweise der Wortführer Willi Winkler ja auch selber getan – sondern dass es die Welt der akademischen Literaturkritik ist, die sich nun dazu gesellt, das Establishment eben, die verkopfte Riege der Professoren und Kulturkritiker. Hat nicht Dylan selbst sie 1964 verspottet mit dem Vers «Come you writers and critics who prophecize with your pen» und der Aussicht «the times they are a-changing»? Und ob er das hat, im Jahr 1964!

Aber seither könnten die Zeiten tatsächlich andere geworden sein, nicht ohne Dylans Zutun; und wie sehr sie sich geändert haben, zeigt beispielsweise der Umstand, dass Dylan neben der Kennedy Award, dem vom schwedischen König überreichten «Polar Prize» und der ehrenvollen Erwähnung zum Pulitzer-Preis neulich auch seinen zweiten Ehrendoktor in Empfang genommen hat – nach Princeton nun im schottischen St. Andrews und wie immer in solchen Fällen schweigend und in tadelloser Haltung, samt Talar und Doktorhut. Ist das die Domestizierung der counter culture, oder hat sich da etwas verändert zwischen culture und counter? Auch hat ja Dr. Dylan selbst sich mittlerweile über seine musikalischen und literarischen Lieblinge ziemlich intellektuell geäußert, in begleitenden Essays zu Schallplatten, in seinen Radiosendungen, in denen er drei Jahre lang heiter aus der amerikanischen Musik- und Literaturgeschichte geplaudert hat, unbekümmert um U und E, culture und counter, und natürlich in seinen autobiographischen «Chronicles».



Heinrich Detering / Literaturen / Seite 28 / 10 2009

Weitere Artikel aus diesem Heft

Sie müssen angemeldet sein, um diese Funktion zu nutzen.
Nachricht schreiben!


Betreff:
Literatur
13 Fragen an Jürgen Flimm
Der neue Intendant der Berliner Staatsoper über erste Bücher, beste Bücher, Hörbücher, schlechte Bücher. Weiter
«Natürlich ist mir Jesus nahe»
Erst sprach der krebskranke Regisseur Christoph Schlingensief in ein Diktiergerät, dann wurde da­raus ein Tagebuch. Weiter
Das Medium ist nicht die Message
Der Science Fiction-Autor Ray Bradbury wird heute 90 Jahre. Sein Klassiker «Fahrenheit 421» erschien gerade als Comic. Weiter


Literaturen Special

Mörderisches Lesevergnügen: Für das «Literaturen»-Spezial hat Krimiexperte Thomas Wörtche 13 spannende Fälle ausgewählt. Weiter
Das Theaterheute-Jahrbuch




kultiversum
Service
Literatur auf kultiversum
Neuerscheinungen, Autoren, Themen und Termine: Ein Überblick über die Welt der Bücher.Weiter
Newsletter LiteraturenLiteraturen
LiteraturenLiteraturen Jeden Monat das Wichtigste zur neuen Ausgabe von Literaturen vorab – und zu den Themen, die Literaturen bewegen.
Bestellen



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!