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„Literaturen”-Gespräch

„Wir sind zur Selbstformung verdammt”
Sven Paustian / SV
Peter Sloterdijk über die Abschaffung der Religion und den Aufstieg von «Übungssystemen», über das Leben als Trainingslager, die Aufbruchstimmung in den USA und über sein neues Buch «Du mußt dein Leben ändern»

Peter Sloterdijk wurde 1947 in Karlsruhe geboren, seit 1992 ist er Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 2001 auch deren Rektor. Das klingt nach einem sehr sesshaften Leben. Und wer die Gelegenheit bekommt, Sloterdijk zum Interview in seiner Heimatstadt zu besuchen, ist tatsächlich kurz versucht, an die vollkommene Bodenhaftung dieses Philosophen zu glauben. Er wohnt mit seiner Familie in einem schönen Altbau in der Karlsruher Südweststadt, im Erdgeschoss. Die Hochschule ist fünf Minuten zu Fuß entfernt, ebenso wie das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Es ist vermutlich keine Seltenheit, wenn Peter Weibel, der Künstler, Theoretiker und ZKM-Leiter, bei Sloterdijk zu Hause vorbeischaut. Die beiden Herren begrüßen einander herzlich; mit Weibels Besuch an diesem Nachmittag geht das Interview zu Ende.

Knapp zwei Stunden lang hat Sloterdijk – er trägt schwarzen Pullover, schwarze Hose, schwarze Schuhe – über sein neues Buch «Du mußt dein Leben ändern» gesprochen. Er redet konzentriert, fast ein wenig versunken. Nicht einen Schluck Wasser gestattet er sich zur Ablenkung. Eine alte Whiskyflasche, Glenlivet, in der Sofaecke des Wohnzimmers strahlt eine gewisse Gediegenheit aus. Gegenüber ein massiver Fernsehapparat. Bei den DVDs liegt «Der Graf von Monte Christo» obenauf; dem Roman hat Sloterdijk in seinem Buch «Zorn und Zeit» (2006) einen ausführlichen Kommentar gewidmet. Und in einer anderen Ecke steht ein Hometrainer.

Sloterdijk erklärt, wieso er lieber über Immunsysteme nachdenkt statt über Religionen, weshalb die europäische Renaissance mit der Massenkultur das wesentliche Merkmal der Antike übersehen hat, warum Ornella Mutis Schönheitsoperationen legitim, aber misslungen sind, wie Thomas Manns «Felix Krull» mit dem modernen Wettkampfsport zusammenhängt, inwiefern sein Jahrzehnte zurückliegender Indien-Aufenthalt im Schreiben noch heute nachwirkt … Man braucht nicht aufzuzählen, wie viele Städte Sloterdijk pro Monat bereist – in New York war er kurz vor unserem Gespräch, in Köln und Wien kurz danach –, um festzustellen, wie trügerisch der Eindruck seiner Sesshaftigkeit ist. Es genügt, ihm zuzuhören: Wenn er über seine Arbeit spricht, hält ihn nichts in Karlsruhe. Sloterdijk segelt gedanklich so unerschrocken wie kein zweiter deutscher Autor durch Kontinente und Jahrtausende.

Ein «Bibliogramm» auf seiner Website gliedert Sloterdijks Werk mit säuberlichen Farbmarkierungen in «Hauptwerke», «Reden & Essays», «Einführende Werke» und Herausgeberschaften (www.petersloterdijk.net). Das neue Buch fehlt noch auf der Seite, aber der Autor lässt keinen Zweifel daran, welchen Rang er ihm zumisst: «Ich habe mit den ‹Sphären› (1998/2004) das vorgelegt, was in der klassischen Philosophie die Metaphysik oder die Ontologie ist», sagt er, «und daneben muss man eine Ethik stellen.» Und die, so Sloterdijk, findet sich in dieser Studie «Über Anthropotechnik»: als Untersuchung aller erdenklichen Verfahren, wie Menschen sich selbst formen.

Es gibt Kritiker – und zwar schon seit dem philosophierenden Best- und Longseller «Kritik der zynischen Vernunft» (1983) –, die meinen, sich Sloterdijk vom Leib halten zu können, indem sie ihn mit dem Etikett «Zeitgeist-Denker» versehen. Mögen diese Kritiker sich durch die Aufsatz- und Antragsprosa der Universitätsphilosophie wühlen. Sie verpassen einen Autor, der das Risiko eingeht, nach dem angeblichen Ende der großen Erzählungen so umfassende wie undogmatische Sinnange­bote zu entwerfen; einen Autor, der sich nicht nur auf dem Höhenkamm des Geistes bewegt, sondern auch der Kultur der Vielen etwas ablauscht. Wenn im Gespräch mit Peter Sloterdijk das Wort Zeitgeist fällt, hat es nichts unmittelbar Verächtliches.

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René Aguigah / Literaturen / Seite 50 / Mai 2009

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Manfred.H. Freude
von Manfred.H. Freude am 03.02.2010 16:24 Uhr

Sloterdijk Honneth Diskussion

 

Dass Vernunft zynisch sein kann, kann man mit nur wenig Einbildungskraft verstehen. Wie zynisch muss man aber sein, alles „nur Schön“ zu Reden, und wie zynisch muss man sein, in jeder Suppe ein Haar zu finden, selbst wenn man es selber hineintun muss. Ein Kyniker beschäftigt sich erst gar nicht mit diesen Dingen. Wir aber beschäftigen uns mit diesen Dingen. Wir kommentieren jeden Politiker, den wir nicht gewählt haben, wir kennen auch niemanden der ihn gewählt hat. Darum muss er sich äußern und dass ist dumm. Nun stehen wir aber immer vor diesen Haufen, die sich auch nicht von selber wegbewegen. Baut man sie ab, wird man sagen, nun ist nichts mehr da. Lässt man sie stehen, sagt man, keiner bemüht sich, nichts wird bewegt, sie werden immer größer. Es ist wie im Winter mit dem Schneeschippen. Man kann es niemandem Recht machen. Schippt man, ist es zu glatt, schippt man nicht, sagt man es ist nichts getan, streut man Salz, gilt man als Umweltsünder. Wollen wir nun die Misere von unten angehen (Honneth) oder soll alles Gute von oben kommen (Sloterdijk) das scheint hier die Frage. Weiteres Reden kommt dem Philosophen entgegen, der Psychologe sieht Unbekanntes und die Sache muss breit verstrichen werden. Man stellt sich hinter eine potentielle Kundschaft. Diese zweite Priesterschaft, die sich nicht um das Seelenheil der Mittellosen kümmert, vielmehr um das Finanzielle, denn daran ist leichter zu kommen als an das Vermögen der Begüterten. Das ist bei Intellektuellen durchgedrungen, besonders Jenen, die sich von dieser Gesellschaft ausbilden ließen, aber es ihr nun auf ihre Art heimzahlen wollen.

betty ferri
von betty ferri am 08.12.2009 12:08 Uhr

Ich kann nicht anders, als wirklich froh zu sein, dass der Philosoph herauskommt aus dem Turm, sich in die Niederungen der Medienwelt begibt, sich ihr aussetzt und das tut was  vielen nützen kann: Visionen formulieren, diskutieren, ja, ganz banal, vielleicht sogar Lebenshilfe leisten... 

Petra Mann
von Petra Mann am 26.10.2009 22:07 Uhr

Immerhin S. schafft Diskussionen ...

Annika Weickenmeier
von Annika Weickenmeier am 25.10.2009 23:51 Uhr

Dass ich zur Freiheit verdammt bin, damit hab ich mich ja abgefunden. Aber nun auch noch zur Selbstformung?! verdammt, wo soll das hinführen - zur freien Selbstverformung? 


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