Ehemaligentreffen im Netz: Diesmal aber nicht bei den Sentimentalitätsdienstleistern von www.stayfriends.de, die uns mit vergessenen Schulfreunden verdrahten. Die Literaturseite www.forum-der-13.de bat anlässlich ihres 10-jährigen Jubiläums Alumni wie Tanja Dückers um Textbeiträge. Die «virtuelle Reunion» wurde mit der eigenen Standfestigkeit begründet: «Schließlich kann es schon als beachtlich gelten, dass wir in der Dynamik der virtuellen Welt bisher das Fließgleichgewicht zwischen Aus- und Eintritten einigermaßen im Ganzen erhalten konnten und dass unser Text(zu)strom, wenn er auch hin und wieder saisonale Dürreperioden erlebt, nie ganz versiegt», hieß es.
Das «Forum der 13», zu dem als gelegentliche Gastautoren auch Michael Lentz und Georg M. Oswald gehören, will ein «Freiraum» für ein «spielerisches wie ernsthaftes Hinterfragen von Formen der Verlinkung» sein. Tatsächlich handelt es sich um ein Kollektiv mit losen Enden, und das lockere Beisammensein hat durchaus stilistische Konsequenzen. Offene Textformen dominieren das Forum, Dialog und Zweifel sind wichtiger als klare Ansagen. An den Rändern der literarischen Texte wird gelegentlich über Poetologie diskutiert («ganz anders. ich neige zum blocken und das ausrufezeichen wegzulassen») oder sich über das Internet als Zeitfresser geärgert («shit, wieder zu lange getippt»). Eine fröhliche Vielfalt der Formate prägt das Erscheinungsbild der Seite, es gibt Fotos, philosophische Versenkungen, Reiseberichte und intime Depeschen («so gerne wäre ich Dir zuvorgekommen, vorbei. Versuche, dich zu hassen»). Für das Internet besonders geeignet scheinen kurze lyrische Textformen und Aperçus zu sein: angesichts der Menge der Beiträge und des Zeitbudgets der User ein einleuchtender Pragmatismus.
Bei der befreundeten Seite www.der-goldene-fisch.de – es handelt sich wohl um ein Sammelbecken früherer «Forum der 13»- Schreiber – wird dieser Ansatz programmatisch unterfüttert. Hartmut Abendschein schreibt dort über die Ästhetik der «Kleinen Formen», dass es sich beim literarischen Weblog um ein «Parawerk» handele, das wiederum «ein loser, stets flexibler Verbund von Elementen» sei. Damit der Leser sich in dem freien Spiel der Elemente nicht verirrt, hat man sich hier die sogenannten «Chronologien» einfallen lassen: «Der goldene Fisch bietet seinen Autoren die Möglichkeit, Texte, die zunächst in dem allgemeinen Textturm erscheinen, miteinander zu verknüpfen oder eigene Textserien zu erstellen.»
Trotz des vorläufigen Charakters vieler Beiträge entstehen auf diese Weise größere Erzählungen und Suchbewegungen in Richtung Verbindlichkeit. Anderswo würde man das Nachhaltigkeit nennen. Gemeinsamkeiten lassen sich beim «Forum der 13» und beim «Goldenen Fisch» auch inhaltlich ausmachen. Denn in der Hauptsache ist diese Gegenwartsliteratur eine Literatur der Gegenwart und damit im weitesten Sinne Pop: mal punktgenau und intensiv, mal ausschweifend und larmoyant. Anders als 1999 – dem Jahr des «popkulturellen Quintetts» von Christian Kracht und Kollegen – werden gemeinsame Erfahrungen aber nicht pathetisch zu einem Lebensstil erhoben. Es ist Popliteratur ohne «Royal», unprätentiös und sympathisch.