Mit den Medien verändern sich auch die Techniken kultureller Distinktion. Während vor einigen Jahren ein beiläufig aus der Manteltasche lugendes Buch dazu dienen mochte, in der U-Bahn oder an der Bar den eigenen Stil zu markieren, kann heute der richtige Handyklingelton eine ähnliche Funktion übernehmen. Natürlich sind auch die medialen Welten Buch und Handy längst miteinander versöhnt: Seit einiger Zeit schon ist von einem Boom der Handyliteratur die Rede, schon wird über die Umwälzung des Literaturbetriebs spekuliert.
In Deutschland fiel mit dem Berliner Merve-Verlag ausgerechnet ein Verlag frühzeitig mit Download-Texten fürs Handy auf, der in den achtziger Jahren noch viele neo-existenzialistische Manteltaschen mit hipper Lektüre bestückte. Unter www.merve.de kann man Sachen von Gilles Deleuze, Friedrich Kittler oder Rainald Goetz aufs Handy laden. Das Schönste an dieser digitalen Versorgung: Die unverkennbare Merve-Raute erscheint nach dem Download auf dem Handy-Display!
Dass sich mit dem richtigen Buchcover auf dem Handy im öffentlichen Nahverkehr kulturell punkten lassen könnte, ignorieren dagegen die Entwickler der Handybibliothek http://handybibliothek.qioo.de. Die Studenten der Berliner Universität der Künste schreiben: «Während langer U-Bahn-Fahrten oder am Strand: Man hat seine Lieblingsbücher immer dabei. Handybücher nehmen keinen Platz weg, und niemand kann sehen, was Sie gerade lesen.» Man fragt sich allerdings, warum die Lektüre von Kafka, Storm oder Hegel (sie alle gibt es in der Handybibliothek) geheim gehalten werden sollte.
In Zeiten des Hosentaschen-Internet (iPhone, Blackberry etc.) ist der Begriff Handyliteratur allerdings nicht trennscharf. Die literarischen Texte, die man bei www.dailylit.com abonnieren kann, lassen sich denn auch am Rechner oder eben über die entsprechenden mobilen Endgeräte rezipieren. DailyLit ist ein literarischer Mailservice, der aus einer schlichten Problemanzeige entstanden ist: Wer den ganzen Tag Mails liest, kommt nicht mehr zum Bücherlesen. Deswegen muss die Literatur als Mail in den Posteingang kommen. Und so liefert die Seite www.digital-native.org eine tägliche Dosis anspruchsvollen Lesestoffs. Wie lange man nach diesem Abo-Prinzip für einen Klassiker braucht, hängt davon ab, wie viele «Instalments» – so heißt hier die literarische Grundeinheit – man sich täglich zu Gemüte führt.
Während Dailylit mit der Einbettung der Literaturlektüre in die tägliche Mikroarbeit einen eher pragmatischen Ansatz verfolgt, wird das Projekt www.electricliterature.com von einer durchaus idealistischen Energie angetrieben. Literatur wird als «Gefahr» verstanden, weil sie die ungelebten Möglichkeiten des Lebens aufzeige und so die eigene Existenz infrage stelle. Veröffentlicht werden hier als analoge Zeitschrift ebenso wie als zeitgemäßes iPhone-App eingesandte Texte, die nicht länger als 8000 Wörter sind. Die Kurzgeschichte sei nämlich ganz besonders geeignet für unsere hektische Zeit. Ob mit solchen Argumenten nicht bloß notorischen Technologie-Skeptikern in die Hände gespielt wird? Für sie wäre die Handyliteratur wohl nichts anderes als Opium für die digital Verdummten und Verdammten: ein Betäubungsmittel, das uns die an allen Ecken lauernden Mobilitätszumutungen erträglicher machen soll.