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Mein wunderbarer Buchsalon
Foto: privat
Leserinnen und Leser schlagen ihre Lieblings-Buchhandlung vor – Buchhändlerinnen und Buchhändler erzählen von ihrem «Wunderbaren Buchsalon»

Vorschlag von Frauke Meyer-Gosau:
Der «Buchladen Bayerischer Platz» ist mein «Buchladen des Jahres» – schon seit Jahren. Das Leserinnenherz meiner Buchhändlerin nämlich ist so weit, dass ich mir von ihr auch zu entlegensten Fragestellungen Tipps holen kann, über die jeweils neuen Programme ist sie natürlich sowieso immer auf dem Laufenden –  mit entschiedenen Empfehlungen. Ich bleibe aber nicht zuletzt auch deshalb immer mitten im Buchgeschehen, weil mir jeden Donnerstag­morgen ein «Literaturkurier» in die E-Mail-Box flattert: Hier werde ich darüber informiert, was im Buchladen los war, ist und demnächst sein wird, welche neuen Bücher ich lesen sollte und zu welchen Kulturveranstaltungen, Radio- und TV-Programmen oder Konzerten die Buchhändlerin rät – literarisch-kulturelle Rundumversorgung at its best.

 

Christiane Fritsch-Weith über ihre Buchhandlung:

Die Geschichte meines Buchladens reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Der jüdische Intellektuelle Benedikt Lachmann gründete das Geschäft am 11. März 1919, Albert Einstein und Gottfried Benn zählten zu seinen prominenten Kunden. 1937, im Zuge der «Arisierung» jüdischen Eigentums, musste Lachmann den Laden verkaufen, sein früherer Stellvertreter Paul Behr wurde der neue Besitzer – in der Geschichte des «Buchladens Bayerischer Platz», der im einst bürgerlich-jüdischen Stadtteil Schöneberg liegt, spiegelt sich die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts unübersehbar wider.

Ich habe die Buchhandlung am 1. April 1975 übernommen, da war ich gerade mal 25 Jahre alt und Mutter zweier kleiner Kinder. Mein Vater war von 1949 bis 1959 Verlagsvertreter des S. Fischer Verlags gewesen, dadurch habe ich schon als Kind wichtige Buchtitel und Autorennamen kennengelernt; meine ersten Lese-Erfahrungen machte ich mit den Reiseauftrags-Formularen meines Vaters. Aufgrund dieses familiären Einflusses wurde mir schon früh klar, was für ein anspruchsvoller, spannender und abwechslungsreicher Beruf derjenige einer Buchhändlerin ist.

Bei meiner Auswahl von belletristischen Büchern sind für mich sowohl der Inhalt als auch die literarische Form entscheidend – und mitunter auch die jeweilige literarische Vorgeschichte, der literaturgeschichtliche Zusammenhang: Goethes «Faust II» zu lesen ist für mich ein solches Vergnügen, weil ich eben auch Homers «Odyssee» gelesen habe! Mich überzeugen immer diejenigen Autoren am meisten, die sich nicht nur ein literarisches Thema erarbeiten, sondern auch einen ganz eigenen Erzählton dafür finden – Philip Roth, Monika Maron, Miljenko Jergovic und Alice Munro gehören darum zu meinen Lieblingsautoren.

Ob sich das Sortiment meines Ladens von demjenigen anderer Buchhandlungen so sehr unterscheidet, weiß ich gar nicht. Ich suche in jedem Jahr die Bücher heraus, von denen ich glaube, dass sie in ihrem jeweiligen Genre besonders geglückt sind – und zwar unabhängig von der Aufmerksamkeit, die sie im Feuilleton finden. Und dann kommen die Leser! Sie müssen beschworen, müssen aufgeschlossen werden für Bücher, Themen und Erzählformen, auf sie lasse ich mich ein, ob sie nun jung sind oder alt. Natürlich gehört es auch zu meinen Aufgaben, eine möglichst lebendige Website zu machen und jede Woche meinen «Literaturkurier» zu schreiben. Aber am wichtigsten ist es schließlich doch, interessante Autoren mit aufregenden Büchern zu einer Lesung hierher in meine Buchhandlung einzuladen!

Unter unseren Lesern und Käufern gibt es so gut wie alle Altersgruppen. Etwas häufiger ist der typische Kunde weiblich, aber die lesenden Männer sind ebenfalls gut vertreten. Beide erwarten die Empfehlungen ihrer Buchhändlerin und folgen ihren Vorschlägen – manchmal kritisch, aber am Ende sind sie meistens doch begeistert. Übrigens liest unser typischer Leser, nachdem er den Rat der Buchhändlerin eingeholt hat, ein Buch, mit dem er Schwierigkeiten hatte, auch gern nochmal von vorn.

Ich bin mir sicher, dass es meinen Buchladen auch in zehn Jahren noch geben wird. Bis dahin nämlich werde ich eine junge Nachfolgerin oder einen Nachfolger gefunden haben, die in meine Fußstapfen treten und schließlich ganz und gar mit diesem besonderen Geschäft verbunden sein werden. Außerdem – und das ist genauso wichtig – sind unsere Leser einfach wunderbar: Die nächsten Generationen rücken schon nach, genauso selbstbewusst und kompetent wie die Älteren. Dies alles zusammen ist der Grund dafür, dass mein «Wunderbarer Buchsalon» auch unabhängig von der allgemeinen Entwicklung des Buchmarktes weiterleben wird.

Buchladen Bayerischer Platz
Grunewaldstr. 59
10825 Berlin
www.buchladen-bayerischer-platz.de


Christiane Fritsch-Weith / Literaturen / Seite 100 / 2 2010

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