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Philosophie des Fahrstuhls
Hans Blumenbergs «Geistesgeschichte der Technik» ist 50 Jahre alt – aber heute an der Forschungsfront

Als der Philosoph Hans Blumenberg 1996 starb, war er längst berühmt – obwohl er keiner der in den Geisteswissenschaften noch immer wichtigen Schulen angehörte, weder der Frankfurter Schule (von Adorno und Horkheimer) noch etwa der aus Heidelberg (Gadamer) oder Freiburg (Heidegger). Sein großes, 1960 begonnenes Projekt einer «Metaphorologie» verfolgte das Ziel, die in sprachlichen Bildern wie denen der «verhüllten» oder «nackten» Wahrheit verborgenen Vorstellungshorizonte für die Geschichte der Philosophie zu sichern. Es ist auf wenig Gegenliebe gestoßen. Das monumentale «Historische Wörterbuch der Philosophie» ist daher ohne Einträge wie «Verhör» geblieben, obschon doch die Metaphorik bestimmter Forschungsrichtungen sehr aussagekräftig ist, die die Natur «verhören» oder «zum Sprechen bringen» wollen. Daumenschrauben oder Scheuklappen der Erkenntnis: Ob man die nackte Wahrheit lieber schamhaft bedeckt oder genau visitiert, macht sicher einen Unterschied.

Wenn Blumenbergs Werk, das gegenwärtig durch Veröffentlichungen aus seinem Nachlass im Literaturarchiv Marbach noch bereichert wird, dennoch aktuell ist, liegt dies also nicht daran, dass er eine Schule begründet hätte, die seit Jahrzehnten an Universitäten und in Büchern gepflegt worden wäre. Gerade weil Blumenbergs Interessen so unkonventionellwaren, erweisen sie sich heute als überaus anschlussfähig. Seine soeben erschienenen Versuche zu einer «Geistesgeschichte der Technik» aus den 1960er Jahren zeigen, dass aus seinen Abschweifungen von den Hauptlinien der Philosophie, die ihm keine Schüler einbrachten, inzwischen ganze Disziplinen zu entstehen scheinen.
 

Wunder werden zu Plunder

Blumenbergs Ausführungen zum Bedeutungswandel von «Automaten und anderen sich selbst bewegten Kunstfiguren» greifen einer kulturwissenschaftlichen und technikgeschichtlich interessierten Kunstgeschichte voraus, wie etwa Horst Bredekamp sie mit seinem Buch über die «Wunderkammer» vertritt. Blumenberg arbeitet heraus, dass die antike Mechanik eher als Überlistung der Natur zu verstehen sei, denn als Erfüllung ihrer Gesetze. Als Ausnahmen von der Regel gehörten die Automaten zum Feld der Wunder – und damit auch in die Wunderkammern des Barock.

Erst wenn Technik als Vollzug der Natur verstanden wird, reflektieren die Automaten keine «mechanische List» mehr. Und dann – wie Goethe in einem Abgesang auf die Automaten deutlich macht, die in «einem alten Gartenhause» halbzerstört und vergeblich Flöte und Harfe zu spielen versuchen – werden die «Wunder» zum «Plunder». Niemand wundert sich über eine simple Aufziehmechanik.



Niels Werber / Literaturen / Seite 85 / 1 2010

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