Wer sein Buch «Der Viehwaggon» nennt, kann nicht auf größere Verbreitung hoffen. Diese Erfahrung macht auch der Ich-Erzähler in Georges Hyvernauds gleichnamigem Prosa-Band: Als das erzählende Ich seinem guten Bekannten Bourladou den geplanten Titel seiner Nachkriegs-Erzählung vorträgt, zeigt der sich ratlos. «Na ja, das wirst du uns bald mal näher erklären», sagt Bourladou und entfernt sich; bald darauf hat er die sperrige Überschrift wieder vergessen. Für den Autor wie seinen Ich-Erzähler ist sie dabei von sinnbildlicher Bedeutung. Es geht um den so genannten kleinen Mann, der, auf engstem Raum mit seinesgleichen zusammengesperrt und ohne Einfluss auf das Ziel der Lebensfahrt, sein Dasein verbringt; für Georges Hyvernaud ruft das Bild überdies die deutsche Kriegsgefangenschaft wieder auf, in die er mit einem solchen Waggon verbracht wurde. Ein heiteres Buch ist dies also nicht, ein trübseliges aber ebenso wenig. Wie in den skurrilen und politisch klarsichtigen Szenen von Daniil Charms fühlt sich der Leser in Hyvernauds Kleinstadt bald in einer Komunalka, einer jener Gemeinschaftswohnungen, in der jedem Mieter ein Zimmer zugeteilt ist: Unfreiwillig nimmt man am Leben aller anderen teil. Georges Hyvernaud hat sein Buch Ende der vierziger Jahre geschrieben, Frankreich lag noch in Trümmern, und im Alltag zeigte die Erfahrung der Okkupation, von Verrat und Kollaboration ihre Nachwirkungen: Jeder wusste alles von jedem, von politischen Morden ebenso wie von Ehebruchsgeschichten. Wie in den Nachkriegsfilmen von Jacques Tati geht es auch hier ohne groteske Szenen nicht ab: wenn sich etwa die Kleinstadtbewohner ein Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs leisten wollen, zu diesem Zweck ein «Comité d’Erection» gründen (ob das wirklich so heiße, fragt besorgt die Ehefrau eines Komitee-Mitglieds). Dann aber werden die Opfer der politischen Gruppierungen gegeneinander aufgerechnet; dass einer ins Konzentrationslager deportiert wurde, weil seine mit einem Deutschen liierte Gattin ihn loswerden wollte, gehört auch dazu. War der Mann nun ein politisches Opfer? Hyvernaud gelingt eine mal düstere, dann wieder aberwitzig komische Studie des Alltagslebens einer sich allmählich wieder aufrappelnden Gesellschaft. Von Julia Schoch mit Sprachwitz in ein bewegliches Alltagsdeutsch gebracht, hat das Buch auch noch heute etwas zu erzählen: von der Zähigkeit einer Lebenskultur und deren Umschlag ins Barbarische, von Überlebensstrategien der kriminellen wie der kuriosen Art – vom Weiterleben.
Georges Hyvernaud
Der Viehwaggon
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Julia Schoch.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007. 198 S., 12,80 €