Vier dringende Empfehlungen zur Sommerlektüre.
So schnell kann’s gehen: Ein Sturz auf den Kopf, und schon wimmelt das eigene Leben von Fremden. Wer ist dieser James, der an Naomis Krankenhausbett steht und sie küssen möchte? Und warum redet ein Junge namens Will sie immerzu mit «Partner» an und behauptet, alles von ihr zu wissen? Gabrielle Zevin, die junge amerikanische Autorin des Welterfolgs «Anderswo», macht in ihrem neuen Jugendroman «Lost Memory: Mein vergessenes Leben» die Amnesie der sechzehnjährigen Schülerin zum Anlass einer Identitätserkundung und Neuerfindung. Nichts ist mehr selbstverständlich für Naomi – das ist Schock und Chance zugleich. Alle anderen dagegen scheinen genau zu wissen, wer sie ist: Sie liebt den Tenniscrack Ace, ist an Wills Seite Co-Chefredakteurin des Schuljahrbuchs und gehört zur In Group der angesagtesten Clique. Was bleibt ihr übrig, als die Zuschreibungen ihrer Umgebung wie einen Mantel überzuziehen und zu versuchen, ihn mit der Zeit auch von innen auszufüllen?
Zum Glück misslingt der Versuch, sich selbst aus dem Blickwinkel der anderen zu rekonstruieren und damit die Anpassung an die Erwartungen der Umwelt fortzusetzen. Statt am langweiligen Jahrbuch zu arbeiten, spielt Naomi nämlich viel lieber Theater. Und sie liebt nicht Ace, sondern James – oder doch Will? Wo die Erinnerung fehlt, kann sich Neues, Eigenes zeigen und ausdrücken. Wenn das Gedächtnis dann schließlich zurückkommt, muss – und kann – die Heldin entscheiden, welchen Weg sie gehen will.
Gabrielle Zevin entwirft das Porträt eines vielschichtigen Charakters. Ihr Roman macht Lust darauf, Altes – auch ohne den Anlass einer Amnesie – infrage zu stellen und der eigenen Wahrheit auf der Spur zu bleiben. Ein so unterhaltsames wie nachdenkliches Buch über die Liebe und das Erinnern, über Musik als Zeitmaschine, vor allem aber über den aufregenden Weg zur eigenen Persönlichkeit: unbedingt lesen!

Spannung pur
Diese Empfehlung gilt auch für John Greens drittes Jugendbuch «Margos Spuren». Seit seinem preisgekrönten Debütroman «Eine wie Alaska» wartet eine immer noch wachsende Fan-Gemeinde ungeduldig auf den jeweils nächsten Green. Und hier ist er: Wieder finden sich die Leser in der Abschlussklasse einer amerikanischen Highschool, doch diesmal erleben sie diese Umbruchzeit vor dem Schritt ins Erwachsenenleben aus der Perspektive eines Jungen. Quentin ist ein guter Schüler, mit seinen Freunden Ben und Radar klopft er Sprüche, wenn die drei nicht gerade am Computer sitzen und «Dark Resurrection» spielen. Green-Fans wissen: Zu solch einem netten unauffälligen Jungen gehört unbedingt ein ganz und gar ungewöhnliches Mädchen.
Diese Rolle übernimmt Margo Roth Spiegelman, Quentins Nachbarin und Mitschülerin: schön, selbstbewusst, die «Queen» der Schule. Und als Ausreißerin eine Legende. So macht sich auch kaum jemand Sorgen, als sie plötzlich wieder verschwunden ist. Nur Quentin ist alarmiert. In der Nacht vor ihrem Verschwinden nämlich saß sie plötzlich vor seinem Fenster, das Gesicht mit schwarzer Farbe beschmiert. So lockte sie ihn, den sie seit Jahren nicht zu bemerken schien, in die aufregendsten Stunden seines Lebens. Ein ausgeklügelter Plan mit irrwitzigen Komplikationen nimmt auf den ersten 100 Seiten des Buches seinen Lauf: Spannung pur. Erst widerstrebend ängstlich, dann immer selbstbewusster, entdeckt Quentin sich selbst und die bisher ganz im Geheimen verehrte Margo neu. Und nun ist sie verschwunden. Soll er sie suchen? War sie es, die ihm die Zeichen und Spuren hinterlassen hat, die er überall findet? Will sie sich umbringen? Besessen von diesen Fragen geht Quentin auf eine innere und äußere Entdeckungsreise, die, ausgehend von einem Gedicht Walt Whitmans und einem Woodie-Guthrie-Song, über verlassene Gebäude und andere verlorene Orte schließlich tatsächlich zu Margo führt. Und die, so stellt sich heraus, ist ein viel komplexerer Mensch, als Quentin glaubte.