Ist Intensität nicht das, was ich mir wünsche? Dabei verwende ich dieses Wort kaum. Und bei Formulierungen, die sich des Adverbs «intensiv» bedienen, wird mir meistens unbehaglich. Es muss nur jemand behaupten, er habe sich intensiv unterhalten, er habe intensiv geforscht oder intensiv gearbeitet, schon werde ich skeptisch. Bei Formulierungen wie: «Ich habe intensiv geschrieben» oder gar: «Wir haben uns intensiv geliebt», schrillen regelrecht die Alarmglocken. Verbirgt sich dahinter nur das Misstrauen gegenüber Verstärkungen, gegenüber einem Intensivum? Intensität scheint mir nichts zu sein, über das man einfach verfügen kann. Ich bin immer dafür gerügt worden, dass ich getrödelt habe, herumträumte und nicht konzentriert gelernt und gearbeitet habe. Aber die Lehrer sagten nicht: Sei intensiv! Sie sagten: Konzentriere dich, sei bei der Sache!
Manchmal wünschte ich, ich könnte mich vervielfältigen: einer, der Romane und Erzähungen schreibt, ein anderer, der die Wege erledigt und zum Zahnarzt geht, ein Dritter, der für die Kinder Zeit hat, wenn sie aus dem Kindergarten kommen, einer, der alle E-Mails und sonstigen Anfragen beantwortet. Undsoweiter. Das Ergebnis jedoch ist niederschmetternd. Es kommt von allem nur mehr heraus. Ich funktionierte in gewisser Weise besser als bisher. Aber wäre das ein intensiveres Leben?
Obwohl Intensität ein Fremdwort ist, wird es nicht mehr als solches wahrgenommen. Die Umschreibungen und Erklärungen in den Wörterbüchern «verdeutschen» es jedoch auf verschiedene Weise. Im «Gesamt-Wörterbuch der Deutschen Sprache» von Jakob Kaltschmidt (vierte, wohlfeile Stereotyp-Ausgabe) von 1854 ist Intensität noch sächlich: «das Intensität, die innere Stärke, innere Kraft, die Tiefe». Dementsprechend wird intensiv auch als «innerlich, gehaltlich, in Beziehung auf inneren Wert» erklärt. Nimmt man allein die letzten 150 Jahre, dann wandelt sich das Wort auf bemerkenswerte Weise: Seine Bezüge veräußerlichen sich, seine Wirkung verschiebt sich immer mehr vom Subjekt zum Objekt. Der Brockhaus definiert Intensität in seiner 19. Ausgabe von 1989 als «Kraft, Stärke, Wirksamkeit (einer Handlung, eines Ablaufs)». Ganz auf das Objekt gerichtet ist der Begriff der Intensivierung. Das Gegenteil der heutigen Auffassung von Intensität ist nicht Extensität – denn beide treffen sich im Gedanken der Wirkung, des Wachstums –, sondern eher die Zerstreuung, der Müßiggang, die Langeweile. Niemand kommt wohl auf die Idee zu sagen: Ich bin intensiv spazieren gegangen, ich habe intensiv geschlafen, ich habe mich intensiv erholt.
Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Im Mai erschien im Berlin Verlag «Orangen und Engel. Italienische Skizzen» mit Fotografien von Matthias Hoch
Begreift man sie eher objektbezogen, dann wird sich ihre Bedeutung mehr und mehr der Intensivierung annähern. Dafür spricht, dass Intensität bei Wikipedia bereits als «gehobene Umgangssprache» bewertet wird, ihr Gebrauch also schon eingeschränkt ist. Oder man begreift sie eher subjektbezogen, als innere Stärke und Kraft, die sich der Messbarkeit entzieht. Dann ist Intensität ein Zustand, für den man Voraussetzungen schaffen kann. Doch wer Intensität herbeizitieren will, verfehlt sie ganz sicher. Gewiss scheint nur, dass es für einen selbst nicht folgenlos bleibt, wie man Intensität begreift.