Philippe Toussaint lesen, die Welt verändern und dabei Zinedine-Zidane-Übungen machen: Einige so ernst wie gut gemeinte Vorschläge zur Lektüre von Romanen und Fußball
Ich verstehe nichts von Fußball, er interessiert mich auch gar nicht, ich verabscheue ihn nicht gerade, aber er lässt mich vollkommen kalt, ich war fünfzehn, als ich das letzte Mal spielte, und ich glaube, seitdem habe ich keinen Ball mehr mit dem Fuß berührt. (Meine Kinder fahren Rad oder spielen Wasserball.) Damit befinde ich mich in Opposition zu meiner Mutter, die dieses Spiel geradezu abgöttisch liebt, in letzter Zeit ist Fußball das einzige Thema unserer Unterhaltungen, und obwohl wir uns eigentlich auf einem mir fremden und sogar widerlichen Terrain bewegen, stört es mich überhaupt nicht, so sehr freue ich mich über diese späten Gespräche mit meiner Mutter. (Mein eben jetzt entstehendes Buch behandelt – so hoffe ich zumindest – diese Freude.)
Bevor ich den Text in der oben gewählten Realität weiterschreibe, begrüße ich, gleichsam aus dem Geschriebenen heraus sprechend, mit der lächerlichen (oder ist sie eher anrührend?!) Begeisterung einer literaturverliebten Gymnasiastin dieses kleine Buch. Es ist gar kein Buch, es ist so klein, nach meinen privaten Berechnungen weist es kaum 10.000 Anschläge auf, und doch ist es eines; formal geht es um das, was sich am 9. Juli 2006 im Berliner Olympiastadion ereignet hat, «Zidane blickte in den Himmel von Berlin und dachte an nichts», in Wirklichkeit aber geht es, wie in allen großen Romanen üblich, um Tod, um Liebe. Und es geht um das «Nichts», an das dieser Zidane damals gedacht hat. In der Überheblichkeit meines Entzückens würde ich sagen, für eben diese Feinheit, die Jean-Philippe Toussaint vorlegt, für die Selbstverständlichkeit des Denkens und der Form, beziehungsweise der Formen, für die ruhige und selbstsichere Feinheit der Proportion dieser beiden halten wir uns, wir, die Menschheit, und ich kann heute im Namen keines Geringeren sprechen, das ist so ein seltsamer Tag, ich kann nichts dafür: Für diese Feinheit halten wir uns die französischsprachige Literatur. Die mustergültige, elegante Ordnung und das Chaos, das Hinterfragen und Darlegen des Wirklichen und des Möglichen, des Fiktiven und Nichtfiktiven – das vermögen dergestalt nur Meisterwerke. Toussaint weiß viel über diese Dualität; in einem seiner früheren Werke («Der Photoapparat», auch in ungarischer Sprache erschienen) fand ich diesen herrlichen Satz (und erwählte ihn sogleich zu einem der Motti meines erwähnten Textes über die Mutter): «… dass ein scheinbar recht unerfindliches Spiel der Annäherung die Wirkung hatte, die Realität, an der ich mich stieß, gewissermaßen zu zermürben, wie man beispielsweise eine Olive mürbe machen kann, bevor man sie erfolgreich auf seine Gabel spießt …»
Die Gymnasiastin möchte noch wichtigtuerisch bemerken (und damit das rätselhafte Lob des nicht mehr jungen Literaturlehrers erheischen), dass Toussaint ein realistischer Schriftsteller sei, wie Balzac oder Zsigmond Móricz, allerdings rücke er zuvor die Welt zurecht, er passe sie dem Schiefen Turm von Pisa an, um solcherart alles gerade auszurichten (vielleicht auch das Kursive). Wir verstehen gar nicht, warum uns ein Schwindel erfasst.
Auch ich war mit meinem Bruder (dem ehemaligen Profi-Fußballer von AEK Athen usw.) im Jahr 2006 beim Endspiel der Weltmeisterschaft dabei, und wir können bezeugen, es war alles so, wie vom Belgier beschrieben. Übrigens, Spaß beiseite, unter den Zuschauern auf den Rängen gab es tatsächlich keinen einzigen Menschen, der jene skandalöse Bewegung Zidanes gesehen hätte. (Wenn nur Peter Handke nicht auch dort war, denn er könnte möglicherweise der Empfehlung seines Romanhelden Josef Bloch gefolgt sein und unabhängig vom Spiel immer nur den Tormann fixiert haben, und dann hätte er, vielleicht, das gesehen, was die Fernsehzuschauer angeblich gesehen haben.)
Wir, mein Bruder und ich, haben Toussaint gesehen, wir saßen an die zehn Reihen über ihm, und mein Bruder wunderte sich, warum er mit seinem Fotoapparat so hin und her ging, und wirklich, jetzt sieht man es im Buch, dass der Autor die Aufnahmen von verschiedenen Punkten aus gemacht hat. Ein ordentlicher Fan geht nicht hin und her, sagte mein Bruder steif. Alles das notiere ich nur am Rande, davon wird Toussaint kein minderer Schriftsteller (allerdings auch kein besserer), höchstens ein kleinerer Fußballfan. Die Karten hatte uns meine Mutter besorgt, die – noch über Puskás – sehr gute persönliche Kontakte zur Fußballwelt besitzt, ich weiß gar nicht, ob Beckenbauer oder Platini ihr geholfen hat. Am liebsten wäre sie selbst mitgekommen, aber für eine Neunzigjährige wäre das ein nicht zu vertretender Ausflug gewesen. Geht, schaut euch Toussaint an, sagte sie, als großer Toussaint-Fan.
Ich habe Mathematik studiert, daher folgte ich Toussaints Beweis in objektiver Weise, und es ist tatsächlich so, wie er es behauptet, zwischen dem stoßenden Kopf Zidanes und dem Brustkorb des Gegners verbleibt notwendigerweise immer eine Hälfte der Entfernung. Und obwohl ich Physik nicht studiert habe, machte ich auch die Probe in der Praxis; da mein Bein ein wenig schmerzte (soll ich jetzt sagen, eine Verletzung der Achillessehne?), drehte ich das klassische Rennen um, und nicht ich versuchte, die Schildkröte zu erreichen, sondern umgekehrt, und ich vermelde mit Freuden, sie hat mich nicht eingeholt.
Zusammengefasst: aus Obigem geht hervor, dass die Wirklichkeit einem guten Roman nur helfen kann. Und ich möchte noch etwas hervorheben: in Toussaints Text kommt ein gewisses Wort nicht vor – und wie wir wissen, ist bei diesem Autor nichts zufällig, kann nichts zufällig sein –, das Wort «Materazzi».
Den hier nun folgenden Absatz kann ich nicht gerade bescheiden nennen, doch würde ich nicht gern meinem Verlangen widerstehen, hier meine eigenen Zidane-Überlegungen, oder wie ich sie genannt habe, Zidane-Übungen, bekannt zu machen. Sie Toussaint zu widmen wäre eine Ehre für mich, doch bliebe es bloße Höflichkeit, aus der Form des Textes geht eindeutig hervor, dass einzig und allein Helmut Heißenbüttel der Adressat der Widmung sein kann.
Zidane-Übungen
Für Helmut Heißenbüttel
Was geschehen ist
Zidane hat den Fehler begangen, sich als Mensch und nicht als Spieler zu verhalten. Und aus dem Menschen trat naturgemäß sofort das Tier hervor.
Zidanesex 1
Zidane hatte eine Schwester. Nun … ehrlich gesagt, sie hat viele Probleme gemacht. Darüber wäre wohl nicht viel mehr zu sagen.
Zidanesex 2
Ist es denn wahr, dass Materazzi in die Schwester Zidanes verliebt war und den Großteil seiner Fouls begangen hatte, weil er Zidane einen Liebesbrief in die Hosentasche stecken wollte, wobei er vergaß, dass Zidanes Hose, im Gegensatz zu den gebräuchlichen Trainingshosen von Inter, keine Tasche besaß? Das hört sich sehr wahrscheinlich an. Die Frage lautet im Endeffekt, ob wir unseren Mitmenschen vertrauen oder nicht.
Zidanesex 3
Ist es denn wahr, dass Materazzi in die Schwester Zidanes verliebt war? Schwer zu sagen … Jedenfalls fand er sie attraktiv. (Version für Frankomanen: Ist es wahr, dass Materazzi ein Tier ist? Klar doch!)
Eine Welterklärung
Ehrenwort, ich war’s nicht, schwor der arabischstämmige Zidane, als man ihm die eingestürzten Türme des WTC zeigte.
Kopfvariationen
Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben, und Zidane seufzte, dass die Torstangen erzitterten, doch die Fortsetzung hatte er vergessen. Hier endet also der Text. Zidane hat viel im Mittelfeld gearbeitet. – Zidane wurde nach dem Vorfall der Kopf gewaschen. – Zidane stellte nach einem kurzen Studium der Marxschen Werke die Viererkette vom Kopf auf den Fuß. Bedenken wir, was er getan hätte, wäre ihm Heidegger in die Hände gefallen. – Vor langer langer Zeit lebte einmal eine «Zidane-Übung». Gottes schöne Zeit ging ins Land und die kleine «Zidane-Übung» wuchs heran, sie wurde kräftig und nahm zu an Weisheit. Eines Tages kam es, wie es kommen musste, jemand las sie und ereiferte sich höchlich; zum Teil in Anlehnung an Zidanes Auffassung, man dürfe mit einer Schwester keinen derartigen Schabernack treiben, zum Teil aber in vehementer Ablehnung des frivolen Spiels mit dem WTC. Das ist kein Spiel, sagte der strenge Leser. Voilà, hier steht er vor uns, erklingt die theatralische Antwort, der neue feige Europäer! Oh, so stehen wir denn also?!, sprach der Leser missmutig, kann es sein, du glaubst, mutig zu sein?! Mein liebes Kleines! Du bist ja bloß geschmacklos! Da könnte ich aber schon etwas entgegnen … Und wenn man dich erschießt? Intertextuell gesehen habe ich auch dann Recht! – Vor langer langer Zeit lebte einmal ein Zidane. Er durchquerte ein Land nach dem anderen, bis er einmal auf einen Kopfbahnhof traf. Ja, wohin denn jetzt? Ohne dass er damit etwas ausdrücken wollte, senkte, wie Josef Bloch, auch Zidane den Kopf.
Aus dem Ungarischen von György Buda
Jean-Philippe Toussaint
Zidanes Melancholie
Aus dem Französischen von Joachim Unseld und mit Fotografien von Jean-Philippe Toussaint. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2007. 32 S., 6 €