Kluge selbst ist immer anwesend, und schon allein dadurch bricht die gewaltige Collage von Texten, Bildbeschreibung, Dialogen nie auseinander. Er liest selbst, kommentiert aber auch. Wunderbar die nervöse Neugier in der weichen, vertrauenerweckenden Stimme des guten Geschichtenerzählers, nur manchmal merkt man an der etwas geschwächten Stimmspannung, dass auch Kluge leider älter wird. Hören Sie es jetzt auch? Dieses immer wieder eingeschobene «ja» und das «nich» seiner mündlichen Rede? Diese stete Vergewisserung, ob wir auch alle noch da sind – die kleinen Plattformen in der Rede als Sprungbrett für den nächsten Gedanken?
Zwischen Tränengebirgen und Opfer-Chören
Auch wegen dieser aktuellen Einschübe ist das Hörspiel mehr als eine lediglich akustische Aufbereitung der «Chronik», so wie ja Kluge selbst auch immer wieder seine Texte umschichtet, neu organisiert. Eine kleine Interviewpassage kreist zum Beispiel, im Zusammenhang mit den einstigen Arbeits- und Todeslagern am Harz, um die Denkmalkultur. Die Trauer werde privatisiert, der Jubel sozialisiert, es fehlten Räume für die Empfindung von Trauer, die wirklich eine Verbindung zu dem Geschehen ermöglichen.
Wo also stünde Alexander Kluge auf einer groben Karte der Erinnerungskultur in Deutschland? Nahe am Tränengebirge gebaut sind die Geschichtsdramen des Fernsehens; über scheinbar ewig-menschliche Geschichten aus dem melodramatischen Fundus wird das Historische hier noch mehr zur Kulisse, als es dies ohnehin schon ist. Weiter nördlich dann finden wir ein imponierendes, einem Archivalienkeller gleich in die Tiefe gebautes Werk wie das Walter Kempowskis, einen vielstimmigen Chor der Opfer – solches tut zu ihrem Gedächtnis. Und dazwischen arbeitet Alexander Kluge unverdrossen dem erstarrten Gedenken entgegen, mit Montagetechnik, Grabungsarbeiten. Setzt gegen das scheinbar Unveränderliche seinen konstruktiven Blick, dekonstruiert die Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, denn: Einmal möge es doch gelingen!
Alexander Kluge
Chronik der Gefühle
Hörspielbearbeitung und Regie Karl Bruckmaier.
Kunstmann, München 2009. 14 CDs mit Booklet, 729 Min., 58 €
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