Die «Harry Potter»-Bücher sind doppelt faszinierend - als Lese-Abenteuer und als Markt-Phänomen. Anatomie eines Milliardengeschäfts.
Als sie im vergangenen Januar nach siebzehn Jahren Arbeit den Schlusssatz des siebten und letzten Bandes ihrer «Harry-Potter»-Serie schrieb («All was well»), da fühlte sie sich euphorisch, und zugleich brach ihr das Herz. So liest man’s auf der Website der Autorin Joanne K. Rowling. Spätestens seit dem 21. Juli, dem Erstverkaufstag von «Harry Potter and the Deathly Hallows», dürfte die Euphorie überwiegen, denn seither ist nicht nur alles gut, sondern giga-bestens. Anders als in noch nie da gewesenen Superlativen lässt sich das globale Potter-Phänomen kaum beschreiben. Einen solchen, sich von Band zu Band steigernden Bucherfolg in derart kurzer Zeit hat es bisher nicht gegeben. «Harry Potter» ist der Buchwelt größte Geldmaschine. Zugegeben: die Bibel verkauft sich noch allemal besser – aber eben im Laufe von fast 2000 Jahren und nicht binnen eines Jahrzehnts.
Deshalb ist «Harry Potter» nicht nur ein Fall für Literaturkritiker. Ehe die Kritiker ihr wohlerwogenes Lektüre-Urteil auch nur formulieren konnten, hatten die Buchkäufer weltweit die Sache längst entschieden. Allein am Erstverkaufstag des Schlussbandes wurden in Großbritannien und Amerika elf Millionen Exemplare der englischen Originalausgabe abgesetzt (8,3 Millionen davon in den USA); hinzu kamen in Deutschland weitere 400.000 Bände, in Australien und Kanada jeweils mehr als eine halbe Million, in Holland und Belgien eine Viertelmillion und in Indien immerhin auch noch 170.000. Nach fünf Tagen war bereits jeder zehnte Brite im Besitz eines Exemplars.
Und noch sind die Übersetzungen in alle Weltsprachen gar nicht erschienen. Während in Dutzenden Ländern die Übersetzer an der Arbeit sind, bereitet sich der deutsche Potter-Verlag Carlsen auf den 27. Oktober vor – und damit auf den größten Käufer-Ansturm seiner Verlagsgeschichte. Dies ist der Stichtag für das Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe des Finalbandes «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes». Da man bereits bei den Bänden 5 und 6 («Harry Potter und der Orden des Phönix» und «Harry Potter und der Halbblutprinz») mit Startauflagen von jeweils zwei Millionen Exemplaren loslegte, rechnet man im Verlagshaus in Hamburg-Ottensen angesichts der Vorbestellungsfluten mit einer Erstauflage, die deutlich darüber liegen dürfte.
Vor neun Jahren war «Potter» ein Schnäppchen
Erfahrungsgemäß schaden dabei die Käufer des Original-«Potter» dem Absatz der deutschen Ausgabe nicht im Mindesten. Und was noch viel besser ist: unentwegt kommen Neu-Leser und Neu-Einsteiger hinzu – und die warten nicht bloß auf den siebten Band, die kaufen jetzt die ersten sechs Bände nach und lesen sich so an den Schlussband heran. So kommt’s, dass plötzlich auch die früheren «Potter»-Bände auf den Bestseller-Listen wieder nach oben schnellen.
Ausreichende Papiervorräte und Druckkapazitäten hat sich der Carlsen Verlag jedenfalls rechtzeitig gesichert. Schließlich soll dem Haus der Liefer-Engpass des Jahres 2000 nicht nochmals unterlaufen. Damals war der Verlag von der Nachfrage, die mit Band 4 («Harry Potter und der Feuerkelch») jäh explodierte, völlig überrascht worden.
Im Jahr 1998 hatte Carlsen den ersten Band, «Harry Potter und der Stein der Weisen», noch mit einer maßvollen Erstauflage von 8000 Exemplaren gestartet, gefolgt im Jahr 1999, mit vorsichtig steigender Tendenz, von «Harry Potter und die Kammer des Schreckens» (25.000 Stück) und «Harry Potter und der Gefangene von Askaban» (30.000 Stück Startauflage). Aber im Jahr 2000, nachdem Joanne Rowling im April erstmals auf Lesereise durch Deutschland getourt war und im Oktober Band 4 auf Deutsch erschien, lief der Markt plötzlich Amok: Zehn Millionen «Potter»-Bände verkaufte Carlsen binnen eines Jahres – und musste zur Überwindung eines Liefer-Engpasses Papier in ganz Europa aufkaufen und Druckkapazitäten von Spanien bis Tschechien auf die Schnelle organisieren.