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Literatur und Geschäft
Jochen Schmidt. Foto: Tim Jockel
Jochen Schmidt über die Strickjacke von Günter Grass und die Niederlagen der deutschen Literatur

Welcher Mann hätte als Kind nicht davon geträumt, einmal ein großer Schriftsteller zu werden? Wenn man sich nach der Schule auf den Plätzen im Viertel traf, um die spannendsten Szenen des letzten Schriftstellerkongresses nachzuspielen, gab man sich den Namen seines Lieblingsschriftstellers. Während die Mädchen von einer Bank aus zusahen, führten die Jungs einander die neuesten rhetorischen Tricks vor, die sie sich von den Großen abgeschaut hatten. Zum Geburtstag wünschte man sich genau so eine Strickjacke, wie sie Günter Grass immer beim Schreiben trug, und abends nahm man die neue Literaturgeschichte mit ins Bett und sah sich immer wieder die Fotos der Autoren an.

Die Literatur lebt vom kleinen Mann, der am Sonnabendnachmittag bei Wind und Wetter in die Bibliothek geht, um sich die neuesten Bücher durchzulesen und sich ein wenig von seinem grauen Alltag abzulenken. Aber die Literatur verkommt zum Geschäft. Die großen Verlage investieren nicht mehr in den Nachwuchs, lieber verpflichtet man gestandene Autoren aus dem Ausland. Es sind in Deutschland schon Romane erschienen, in denen keine Zeile mehr von einem deutschen Autor stammt. Die Quittung dafür bekommen wir bei den internationalen Literaturwettbewerben, wo der Mythos der Unbesiegbarkeit deutscher Texte längst der Vergangenheit angehört.

Jochen Schmidt, geboren 1970, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. Er ist Mitbegründer der Lesebühne «Chaussee der Enthusiasten» und Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft. Zuletzt erschien «Schmidt liest Proust» (Voland & Quist, Dresden 2008).

Deutschland ist auf dem besten Weg, ein Literaturzwerg zu werden. Seit Jahren haben wir keinen Autor von internationalem Format mehr hervorgebracht. International sind die Deutschen nur noch bekannt für ihre Kritiker. Die deutschen Verlage behaupten, die Italiener bekämen mehr Geld vom Fernsehen und seien deshalb beim Wettbieten um die großen Autoren im Vorteil. Und in England verzerre der Einfluss russischer Ölmagnaten den Wettbewerb. Aber jeder weiß, dass Geld keine Texte schreibt. Die anderen Nationen haben einfach die modernere Literaturphilosophie. Wir haben uns zu lange auf den Erfolgen aus der Vergangenheit ausgeruht und die Entwicklung verschlafen. Man schreibt lieber auf Sicherheit, statt dem Publikum die attraktive Offensivliteratur zu bieten, die es liebt.

Die deutsche Literatur ist zu statisch. Die Autoren trennen sich zu spät vom Text. Statt nach vorne zu schreiben und die Pointe zu suchen, wird der Text in die Breite gezogen. Zudem gibt es kaum virtuose Techniker unter den Deutschen, viele haben eklatante Mängel im Umgang mit dem Wort. Früher haben wir unsere sprachlichen Defizite mit körperlicher Robustheit ausgeglichen, aber auch da haben die anderen Nationen aufgeholt. In England wird inzwischen ein viel höheres Tempo geschrieben als bei uns, und jeder Autor ist dort in der Lage, auf hohem Niveau 90 Minuten durchzuschreiben. Und nicht nur in Europa geht die Entwicklung an uns vorbei, es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns Literaturen aus Afrika den Rang ablaufen!

Wir müssen den Spaß am Text wiederentdecken. Wenn nur noch das Geld zählt, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Die jungen Autoren werden von ihren Verlagen sich selbst überlassen und sind dem Einfluss dubioser Literaturagenten ausgesetzt. Schon in jungen Jahren Millionäre, sind sie charakterlich noch nicht gefestigt. Auch Autoren haben Gefühle.


Jochen Schmidt / Literaturen / Seite 89 / 1 2010

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