kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Zeit-Diagnose

Schaltet den Bildschirmschoner an!
Corinne Maier und Tom Hodgkinson empfehlen den Angestellten von heute mehr Faulheit – als Subversion. Sie verschweigen allerdings, dass Nichtstun seinen Preis hat. Über einige neue Imperative der Lifestyle-Publizistik

Könnte es sein, dass nun wirklich Schluss ist mit den Imperativen der emsigen Ratgeber-Literatur? Endgültig vorbei mit «Zähme deinen inne­ren Schweinehund», «Weck den Sieger in dir!» und «Simplify your Life»? Was hatten wir nicht alles versucht, um besser zu funktionieren, im Job und in der Familie. Wir hatten uns an der «Bärenstrategie» versucht, am «Mind Mapping», wir wollten «Mit Neurobics fit im Kopf» werden und «Glücksgefühle bis zum Abwinken» provozieren. Wir wollten bei all den Anstrengungen «For­ever Young» bleiben und nebenbei auch noch überflüssige Pfunde mit der «Glyx-Diät» verlieren, an der glücklich nur der Name war; wir wollten «Führen, Fördern,
Coachen», zur Not auch nach dem «Cobra Prinzip», und am Ende mit Stephen R. Covey «Die sieben Wege der Effektivität» beschreiten, denn sie schienen geradewegs in den Himmel zu führen.

Die Uhren des Zeitgeists aber stehen nicht still. Hartz IV ist mit Empowerment nicht mehr beizukommen, und längst hat jeder begriffen, dass wohlklingende Win-Win-Strategien in Windeseile zur Lose-Lose-Situation mutieren können. Es würde nicht mit rechten Dingen im Verlagswesen zugehen, wenn nicht ein paar kluge Lektoren und aufgeweckte Autoren dieses neue Lebensgefühl rechtzeitig aufgeschnappt und eine Art Kopernikanischer Wende innerhalb der Ratgeber-Literatur vollzogen hätten: Nach der großen Welle der Effizienzsteigerung ist nun Schluss mit dem Mythos von der Motivation. Allenthalben wird das Loblied auf die Faulheit gesungen, das dolce far niente gepriesen oder schlicht «das angenehme Leben nach dem Jobverlust», wie in Achim Schwarzes Traktat «Kleine Brötchen». «Werde gottähnlicher, bleibe im Bett», rät der britische Autor Tom Hodgkinson in seiner «Anleitung zum Müßiggang». Kurz, es ist Literatur für «Glückliche Arbeitslose», wie sich eine Berliner Ini­tiative nennt, die genau das einklagt, was ihr Name verspricht: arbeitslos und glücklich zugleich zu sein.


Ein Manifest namens «Bonjour Paresse»

Königin der neuen Generation von Nichtstuern ist Corinne Maier. Den Erfolg ihres Buches «Die Entdeckung der Faulheit» darf man mittlerweile getrost als ein gesellschaftliches Phänomen beschreiben. Dabei hätte das Buch durchaus untergehen können. Etliche französische Verlage hatten das Manuskript abgelehnt, ein kleiner, völlig unbedeutender hatte es Ende April vergangenen Jahres schließlich unter dem schönen Titel «Bonjour Paresse» publiziert: ein kurzes, freches Manifest über die Vorteile des Nichtstuns im Büro. Oder: «Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun». Binnen weniger Monate hatte sich Maiers subversiver Ratgeber in Frankreich eine Viertelmillion Mal verkauft und damit der Anspielung auf Françoise Sagans legendären Roman «Bonjour Tristesse» alle Ehre gemacht. In über zwanzig Ländern erscheinen derzeit Übersetzungen. Kaum war das kleine Pamphlet auf Deutsch auf dem Markt, trat es auch hierzulande seinen Siegeszug durch die Bestsellerlisten an. Maier, so scheint es, spricht den Menschen aus dem Hartz-Herzen.

Und sie spricht aus eigener Erfahrung. Nicht, dass sie faul wäre. Sie ist 40, promoviert, Mutter von zwei Kindern, arbeitet seit über zwölf Jahren, seit einiger Zeit halbtags, beim staatlichen französischen Energieversorger EDF als Wirtschaftswissenschaftlerin; die andere Hälfte ihrer Arbeitszeit praktiziert sie als Psychoanalytikerin. Während der verbleibenden Zeit – man fragt sich: wann eigent­lich? – schreibt sie Bücher. Bislang über Casanova, das Obszöne und den Tod, über Jacques Lacan und Charles de Gaulle. Und nun also über die Entdeckung der Faulheit. Dieses Pamphlet hat ihr nicht nur Ärger mit ihrem Arbeit­geber eingehandelt, es hat sie auch auf einen Schlag berühmt gemacht. Sie zierte die Titelblätter der Magazine, die prompt fragten: «Arbeiten die Franzosen zu wenig?» und ganze Dossiers über die «Rebellen der Maloche» druckten. Sogar auf die Titelseite der «New York Times» hat sie es geschafft: «Hello Laziness», so resümierte das Blatt, breche mit der angloamerikanischen Arbeitsethik und propagiere eine «Faultier-Ethik». Doch die Analyse des sagenhaften Erfolgs von «Bonjour Paresse» erschöpft sich aus amerikanischer Perspektive in der Kategorie Kuriosa aus Frankreich: als eine Art exception culturelle,vergleich­bar mit Rohmilchkäse und Filmquoten.



Martina Meister / Literaturen / Seite 52 / Mai 2005

Weitere Artikel aus diesem Heft

Sie müssen angemeldet sein, um diese Funktion zu nutzen.
Nachricht schreiben!


Betreff:
Literatur
13 Fragen an Jürgen Flimm
Der neue Intendant der Berliner Staatsoper über erste Bücher, beste Bücher, Hörbücher, schlechte Bücher. Weiter
Mordsvergnügen
Mörderisches Lesevergnügen: Für das «Literaturen»-Spezial hat Krimiexperte Thomas Wörtche 13 spannende Fälle ausgewählt. Weiter
«Literaturen»- Bestenliste
Juni/Juli 2010: Die jeweils zehn besten Romane und Sachbücher, ausgewählt von der hochklassigen «Literaturen»-Jury. Weiter

kultiversum
Service
Literatur auf kultiversum
Neuerscheinungen, Autoren, Themen und Termine: Ein Überblick über die Welt der Bücher.Weiter
kultiversumLiteraturen
LiteraturenLiteraturen Jeden Monat das Wichtigste zur neuen Ausgabe von Literaturen vorab – und zu den Themen, die Literaturen bewegen.
Bestellen
Neueste Mitglieder
Bianca Jahnke- Oppoldcarsten reinhold schulzClaus KemmerCarola RümperLeón Wolfgang SchönauLudger LamersNorbert Sternmut



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!