Endlich mal raus ...
endlich mal alles hinter sich lassen und wieder zu sich selbst kommen – das gelingt dem modernen Großstädter so richtig nur in der Natur. Doch sogar dort, wo Berge Feuer speien und heiße Quellen in den Himmel schießen: auf Island, sind andere Menschen immer schon da und haben völlig anderes im Sinn: möglichst schnell ganz viel Geld verdienen. Der isländische Schriftsteller Andri Snaer Magnason erzählt, wie die Insel die giftigste Finanzblase aller Zeiten hervorbrachte – und sich gerade anschickt, eine unberührte Region in ein industrielles Dorado zu verwandeln (S. 16).
Der Mensch lernt schwer. Oder auch gar nicht. Die Protagonisten in Vladimir Sorokins «Eis»-Trilogie greifen daher zu drastischeren Mitteln, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sonja Zekri hat mit dem in seiner Heimat heftig angefeindeten Schriftsteller über sein Bild von der Menschen-Natur gesprochen. Und siehe da: Vladimir Sorokin lebt außerhalb Moskaus idyllisch in einem Dorf (S. 10).
Idyllisch war es einmal auch dort, wo Felicitas Hoppe in den letzten Monaten ihren Wohnsitz hatte: Eine silbrig sprudelnde Quelle bot einst vor den Toren der wuseligen amerikanischen Hauptstadt Erholung. Nun hat die Autorin sich in Silver Spring auf einen langen Marsch in das Herz der weltlichen Macht begeben – entlang einer zwölf Kilometer langen Magistrale, deren Bebauung im Wesentlichen aus Kirchen besteht. Bei aller Liebe zu Washington DC – am Ende versteht man gut, weshalb sich auch der Namenspatron der Stadt stets nach dem Landleben sehnte (S. 92).
Jörg Magenau und Frauke Meyer-Gosau haben diese Sehnsucht im Titel-Thema des Hefts genauer unter die Lupe genommen: Seit wann zog es Schriftsteller zu einem Leben in ländlicher Abgeschiedenheit? Was vermissten sie in der Stadt – und wie sieht das Dasein in der weltweiten Provinz aus, wenn man die neuesten Land-Romane liest? Gar nicht so ruhig jedenfalls, wie man erwarten sollte, und nicht einmal in Sibirien oder Nordkanada wirklich abgeschieden. Erzählt wird von provinzieller Existenz im Übergang: zwischen Stadt und Land, agrarischer Vergangenheit und technisch hochgerüsteter Zukunft (S. 24).
Dass Schriftsteller selbst nicht ländlich leben müssen, wenn sie das Leben in der Provinz beschreiben, bezeugt Julia Schoch: Ihr letzter Roman spielt auf dem plattesten Land – sie aber hat beim Schreiben am liebsten Straßenbahnklingeln im Ohr (S. 23).
Einen entspannten Lese-Sommer zwischen Stadt und Land wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion