Schon seit einigen Jahren ist das Archiv ein intellektuelles Modethema, wohl auch, weil sich hier kulturwissenschaftliche und technologische Fragestellungen kreuzen und daher unterschiedliche Leute miteinander ins Gespräch kommen können. Natürlich stellt sich insbesondere bei den flüchtigen Datenmassen im Netz die Frage, was davon eigentlich der Nachwelt erhalten bleiben soll. Mit dem Stilmittel Kalauer gefragt: Was ist fürs Archiv und was ist für’n Arsch?
Jenseits der akademischen Diskurse, im wahren www, finden sich, grob sortiert, zwei archivarische Ansätze: klassische Strategien der Hierarchisierung und netztypische, eher demokratische Vorgehensweisen. Recht orthodox geht etwa die Netzabteilung des Literaturarchivs Marbach vor (http://literatur-im-netz.dla-marbach. de). Der traditionelle Selbstauftrag lautet hier: Sammeln, Erschließen, Archivieren – Gegenstand sind nicht nur gedruckte Erzeugnisse, sondern auch literarische Weblogs und Netzliteratur.
Schon allein der Vorgang der Archivrecherche («Weblogs: 56 Objekte») hat etwas Altertümliches, außerdem ahnt man, dass vieles fehlt, was durchaus archivwürdig wäre. Die Top-Down-Liste täuscht Kriterien für die Auswahl nur vor. Ganz ähnlich geht www.deutscheinternetbibliothek.de vor: Auch hier werden Netztexte archiviert – «statt fragwürdiger Links ausschließlich Qualität; statt tausender Treffer nur die besten Seiten», so die Selbstannonce. Neun Treffer bei «Netzliteratur» lassen harte Ausschlusskriterien vermuten. Oder Ignoranz. Oder Faulheit.
Vielleicht ist der Wissen suggerierende Profi-Gestus dieser Seiten der Grund dafür, dass sie eine Langeweile verbreiten, welche zum Klischee des verstaubten Archivs passt. Obwohl amateurhaft und handgemacht, ist zum Beispiel das Gutenberg-Project (www.gutenberg.org) um einiges aufregender. Hier findet sozusagen Archivierung von unten statt: Die User sind aufgefordert, Texte, deren Urheberrecht abgelaufen ist, abzutippen und einzustellen. Und das geschieht in fast allen Sprachen, von Maori bis Deutsch. Täglich wird die Sammlung mit Klassikern und unbekannten Autoren erweitert. Google hat diese Idee bekanntlich in abgewandelter Form kommerzialisiert (siehe http://books. google.de).
Allein: Immer wieder stellt sich die Frage, wer das eigentlich alles lesen soll. Gegen die unvermeidliche Textmüdigkeit helfen O-Ton-Archive. Auf http://librivox.org werden gelesene Texte als MP3-Audio-Dateien gespeichert und archiviert. Da Laien die Texte einlesen und jeder mitsprechen darf, gehören Versprecher und eine leiernde Monotonie im Vortrag mit dazu.
Mehr oder weniger professionelle Autoren-Authentizität findet sich dagegen bei www.zehnseiten.de: Autoren wie Arno Geiger oder Eva Menasse sitzen in hyperneutralem Setting vor weißem Hintergrund und lesen zehn ausgewählte Seiten aus einem ihrer Bücher. Da damit der Performance-Charakter des Web 2.0 für kommende Generationen dokumentiert wird, entsteht anstatt digitaler Textmassen ein lebendiges Archiv der Autoren. Nebenbei wäre damit bewiesen: Der Autor ist nicht tot und droht auch nicht im Netz der Diskurse zu versauern. Im Gegenteil: Sein Angesicht, seine Präsenz – das lässt zehnseiten.de vermuten – könnte für zukünftige Archivierungspraktiken noch sehr wichtig werden.