Was liest...
In der Zeit, in der jeder Buchkauf eine schwerwiegende Entscheidung war, zumal bei gebundenen Büchern und Neuerscheinungen, hatte ich das Glück, mit einer fabelhaften Buchhändlerin befreundet zu sein, Melusine Huss in Frankfurt. Frau Huss konnte man, als Kundin ihres Buchladens, um ein Buch bitten, und sie suchte es aus. Nicht immer, aber oft war es gerade das Buch, das man brauchte, in anderen Fällen war es ein paar Monate oder Jahre später das richtige Buch. Jedenfalls wuchs ich auf mit der Vorstellung, es gebe jeweils das richtige Buch, und es hänge viel davon ab, dass man es findet. Das richtige Buch ist für mich eines, das die langsamen und oft stockenden oder verstockten Gedanken und Empfindungen beweglich und mitteilenswert werden lässt.
Vor ein paar Monaten erzählte mir jemand von Hans Blumenbergs Buch über Goethe; ich kenne Blumenberg nicht gut, aber ich verehre ihn, hatte unlängst sein Buch über Fontane gelesen. Nun wollte ich das Buch über Goethe auch gleich haben, obwohl die Texte aus dem Nachlass wohl doch zumeist mit Grund so nicht veröffentlicht worden waren. Das Goethe-Buch hat mir aber gut gefallen. Mit solcher Wärme schreibt Blumenberg darin über die Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, Goethe und Zelter, dass ich auf die Idee kam, ich wolle etwas davon lesen.
Die gebürtige Frankfurterin, Jahrgang 1967, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem, verbrachte einige Jahre in Israel und lebt seit 1996 als freie Autorin in Berlin. Sie veröffentlichte die Romane «Eine Art Liebe» und «Die Habenichtse» – wofür sie mit dem Deutschen Buchpreis 2006 ausgezeichnet wurde.
Briefe sind eine wunderbare Sache, wenn man nur wenig Zeit hat zu lesen, und ein Kind verändert das Leben insofern, als es viel lustiger wird, aber eben auch kurzweiliger. Weil der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller der übersichtlichere ist, kaufte ich ihn – in Mannheim, auf einer Lesereise, an einem regnerischen Tag, in einer sehr schönen Buchhandlung, und es war einer der Buchkäufe, die mich mit Erwartungen erfüllen, obwohl es mir (und ich mir) ein wenig komisch vorkam, an etwas derart Klassisches solche Erwartungen zu haben.
Ich lese seit Wochen an diesem Buch, es hat fast 2000 Seiten. Nicht alles lese ich mit gleicher Aufmerksamkeit, ich bin eine schnelle und oft vergnügungssüchtige Leserin und überblättere gerne. Dieser Briefwechsel ist die größte Freude. Er ist witzig, großzügig, scharfsinnig, er gibt das Geflecht zwischen Bordüren und Literaturbetrieb lebhaft wieder, er zeigt zwei, die mit großer Offenheit die jeweiligen Arbeiten des anderen besprechen, mit einer Konzentration auf Fragen der Form, der Themenstellung, des Effekts von Schriftstellerei, die ich beneidenswert und anregend finde, vor allem aber mit einer Hingabe an eine Freundschaft, die anrührend und bezaubernd ist und ebenfalls beneidenswert.
Man will, auf eigene Weise, sogleich an etwas Derartigem teilnehmen: an solchen Freundschafts- und Arbeitsverhältnissen, an dieser Art von Klatsch und Spott, die scharfzüngig Leute zeichnet (Fichte wird als «das große Ich von Oßmannstedt» bezeichnet), an den gemeinsamen Lektüren und Familienereignissen (allerdings nur denen Schillers, der engherzig Christiane Vulpius keinmal auch nur grüßen lässt), vor allem vielleicht an der Art von Selbsteinschätzung, die dem Freund schreibt: «Leben Sie recht wohl und verzeihen Sie der abermaligen Unfruchtbarkeit dieses Briefes, der ich durch eine Portion Rüben nachzuhelfen suche.»
Friedrich Schiller, Johann W. Goethe
Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Münchner Ausgabe in 2 Bänden
Goldmann TB, München 2005. 1808 S., 25 €
Hans Blumenberg
Goethe zum Beispiel
Insel, Frankfurt a. M. 1999. 245 S., 22,80 €