Drei Gegensatz-Paare der jüngeren Literaturgeschichte: Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke, Schüler und Lehrerin in Siegfried Lenz’ Novelle «Schweigeminute»
Er nennt sein Gegenüber «mein Frankfurter Ungeheuer, dem ich völlig verfallen bin»; trotzdem tut er ihm einen «Seitentritt in Salzburg» an. Aus scheinbar heiterem Himmel spricht er von Entfremdung. Er reagiert eifersüchtig und ist beim Thema Geld ohnehin stets mit massiven Vorwürfen und weitreichenden Drohungen bei der Hand. Der andere bleibt unterstützend, großmütig und um Ausgleich bemüht, denn er glaubt an die Beziehung. Nur manchmal erinnert er an seine Verdienste darum.
Nein, die Beteiligten dieses 25 Jahre andauernden Ringens waren nicht miteinander verheiratet, sie waren Autor und Verleger. Und das scheint beinahe noch schlimmer zu sein als eine gewöhnliche Paarbeziehung. Mit Thomas Bernhard führte Siegfried Unseld bis zu Bernhards Tod im Jahr 1989 eine umfangreiche Korrespondenz voller höchst emotionaler Rutschpartien; die massiv gekürzte Audiofassung ihres «Briefwechsels» ist einige Monate vor der 900 Seiten starken Druckversion erschienen.
Siegfried Unseld, mit dem nötigen Gewicht gesprochen von Gert Voss, setzt hier über weite Strecken darauf, die Attacken seines Autors ruhig zu parieren, selbst wenn der vertraglich gebundene Bernhard Alleingänge mit dem Salzburger Residenz-Verlag unternimmt, Unseld harsch Untätigkeit oder die Bevorzugung anderer Autoren vorwirft. Das großartig in grantelnd-bitterem Tonfall von Peter Simonischek vorgetragene Geschimpfe des an allem, nur nicht an sich selbst zweifelnden Bernhard ist zwar punktuell durchaus mit ausgesuchten Komplimenten für schöne Ausgaben und gelungene Aufführungen durchsetzt. Doch vom Jubelruf «Ihr Verlag ist der schönste!» schlägt das Urteil schnell wieder um in die Vorstellung von Suhrkamp als einer «anonymen gegnerischen Macht».
Es gebe in Bernhards Leben nichts anderes als sein Werk, schreibt Unseld nachsichtig über dessen egomanisches Verhalten in einer seiner hier ebenfalls zu hörenden privaten Notizen; und gerade diese Einseitigkeit schätzt er ungeheuer. Wüsste man nicht von Siegfried Unselds enormen Verdiensten um seine Autoren, man könnte trotzdem ein wenig misstrauisch werden: Wollte der Verleger finanziell wirklich immer nur das Beste für seinen Autor Bernhard, oder war der doch ein klein wenig im Recht, wenn er so vehement, fast schon besessen, mehr Geld forderte?
Das Hörbuch kann hier natürlich nicht aufklären. Immerhin: «Sie gaben das Äußerste, und ich gab das Meine», schreibt Unseld 1972 an Bernhard anlässlich der Veröffentlichung des Theaterstücks «Der Ignorant und der Wahnsinnige». Nicht nur finanziell nachgebesserte Schecks, sondern auch Zuwendungen per Brief und als Gastgeber gehörten zu Siegfried Unselds Sonderleistungen, dazu Kleinigkeiten wie das Mitbringen spezieller Kalziumtabletten aus Spanien und schließlich gemeinsam durchgestandene Kämpfe gegen Buchbeschlagnahmung und Zensur. Nur bei der Selbsteinschätzung «Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben», hätte Unseld wohl kaum zugestimmt.
Rainer und Lou, ein Schauerstück
Die seelische Fürsorge, die die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé dem vierzehn Jahre jüngeren Dichter Rainer Maria Rilke lebenslang angedeihen ließ, entstand aus einer Liebesbeziehung, die sie nach vier Jahren beendete. Nach Rilkes Tod im Jahr 1926 schreibt Andreas-Salomé Rilkes Biografie: ein letztes Zwiegespräch mit dem Verstorbenen, der in ihrem Text mit Worten aus seinen Briefen präsent ist.
Schöne Stellen sind fraglos darunter. Was als Buch freilich schlicht den Namen des Autors trug, heißt in der Hörversion nun «Das Rainerbuch» und besteht aus einer in leuchtendem Pink gehaltenen Audiobuch-CD. Hall-Effekte, gleichzeitiges Sprechen zweier Schauspieler, zartes Hauchen und musikalische Dissonanzen sollen dafür sorgen, dass sich der Hörer ein wenig gruselt – schließlich geht es hier über weite Strecken um Alpträume, Angstzustände und den Tod.
Die Effekte stören jedoch die Akustik und erschweren das Verständnis des esoterischen, eher einfühlsamen denn analytischen Textes von Andreas-Salomé noch zusätzlich. Der Wunsch nach einer Einordnung und Deutung mancher dieser Wolkigkeiten, etwa in Form von Kommentaren, drängt sich auf; doch leider haben Hörbücher keine Fußnoten. Dieses hier hat allerdings auch keinerlei ästhetischen Mehrwert gegenüber einem Buch.