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Das Journal

Schweinemonster an der Orgel
250 Jahre nach seinem Tod wird Georg Friedrich Händel vielfach neu porträtiert – mehr oder weniger treffend

So viel Händel war – nein, nicht: nie. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als Herrscher des Londoner Musiklebens, war der Mann aus Halle ein Star, ein Spitzenverdiener, Gegenstand einer bewundernden und zuweilen gehässigen Berichterstattung, wie wir das von Madonna kennen oder Robbie Williams. Die Mechanismen des Populärruhms in der Musik waren Mitte des 18. Jahr­hunderts nicht prinzipiell anders als heute: ein Verdrängungswettbewerb um Aufmerk­samkeit und Geld des Publikums, Errichtung medialer Imperien, ein Knäuel von Organi­sation und Kreation, um immer neu Hits zu landen und die Konkurrenz auszustechen.

So viel Händel wie heute war vermutlich seit seinen Lebzeiten nicht mehr. Opern, die noch vor zwei Jahrzehnten als unspielbare Dutzendware weggelegt waren, werden wiederentdeckt; das riesige Repertoire der Oratorien wird auch jenseits des «Messiah» neu vermessen, die Instrumentalmusik nicht mehr nur als barockes Easy Listening geschätzt. An den Status von Vater Bach als dem größten anzunehmenden Musiker reicht der sächsische Jahrgangsgenosse nicht heran, aber er spricht oft direkter zu uns, vor allem seit die Aufführungspraxis sich historisch informiert hat: Händels Musik der Affekte macht trauriger und fröhlicher als die des Thomaskantors, manchmal euphorisch, bisweilen süchtig. Stellenweise, eher selten, ist sie auch langweilig. Weil sie aber, anders als diejenige Bachs, nicht einfach selbst­verständlich da ist, ruft sie nach Aufführung, Interpretation und Deutung. Und so fallen uns in diesem Händeljahr des 250. Todestags am 14. April nicht ohne Grund eine Menge neuer Händel-Bücher auf den Kopf.
 
Der erste Popstar
Kein Biograf, der nicht auf einen seltsamen Widerspruch aufmerksam macht: «Händels ruhmreiche Lebensgeschichte ist selbst zu einem Mythos geworden», schreibt etwa Franzpeter Messmer. «Er ist einer der ersten öffentlichen Stars, die bis heute im kollektiven Bewusstsein der Menschen ihren Platz haben. Doch die Berichte über sein Leben wurden häufig zu Anekdoten (…). Er existiert in unseren Köpfen nur als Künstler. Doch als leibhaftige Persönlichkeit entzieht er sich uns.»
 
Händel, der erste Popstar der Musikgeschichte, dem sie in Vauxhall Gardens schon zu Lebzeiten ein Denkmal errichteten, der schon als «jüngst Verstorbener» Gegenstand früher Biografen wie des immer noch gern zitierten Reverend John Mainwaring wurde – dieser Komponist blieb eine Weltberühmtheit fast ohne Privatleben. Und weil die Quellenlage – nicht, was die öffentliche Figur angeht, wohl aber das Persönliche, womöglich Intime – so überraschend dünn ist, fühlten sich Händel-Biografen immer schon zum freimütigen Auspinseln jener Leerstellen eingeladen, an denen man dann den wahren, den eigentlichen Mann Händel zu erkennen meint.
 
«Dass Händels Privatleben geheimnisvoll, hinter einer Mauer des Schweigens versteckt ist, zeigt, wie schwierig, bedroht, einsam und leidvoll er es empfand», so Franz­peter Messmer, der auch weiß, warum das so war: Der Meister war schwul. Damit folgt er einer akribischen Beweisführung, die vor ein paar Jahren die amerikanische Händel-Forscherin Ellen T. Harris unternommen hat. Als komponierender und konzertieren­der Jungstar auf Italienfahrt war er demnach selbst Objekt der Begierde römischer Kardinäle und adeliger Gönner gewesen. Als etablierter, reicher und schwer korpulenter Musikmagnat in London aber hatte er sein Intimleben vor einer Öffentlichkeit zu verbergen, der die Liebe unter Männern als Sodomie galt. Mit der Zeit wurde er so dick, dass er sich am Ende böse Karikaturen gefallen lassen musste, die ihn als Schweinemonster an der Orgel zeigen, und das kam so, weil er ersatzhalber sich dem guten Essen und Trinken ergab.
 
Eins fügt sich ins andere, im Ganzen durchaus plausibel, manchmal aber auch allzu gut, und irgendwann nervt Messmers Fixierung auf das Thema denn doch. Dass es Händel in die größte Stadt Europas vor allem deshalb zog, weil die urbane Anonymität das Ausleben seiner Sexualität begünstigte: Da beginnen die Spekulationen. Vom süßen Gift der Psychologisierung verabreicht Messmer erhebliche Dosen. Das macht sein Buch durchgehend spannend, man sollte es genießen – aber mit Vorsicht. Elegant und instruktiv gelingt jedenfalls die Darstellung der komplexen Verwobenheit von persönlichem Leben und großer Politik sowie dem englischen Kulturbetrieb in Händels letzten Jahren: der Kampf um die italienische Oper, die Suche nach einer eng­lischen Musik, die Familienzwiste der «Hanovers» und die Funktionalisierung von «Kultur» im politischen Machtkampf. 
 
Händel verstand auch auf dieser Klaviatur virtuos zu spielen.


Holger Noltze / Literaturen / Seite 74 / April 2009

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