Der Pathologe Frank Gonzalez-Crussi riskiert einen Blick auf die Schaulust und das weibliche Genital – leider ohne Tiefenschärfe
In seinem Buch «Verbotene Blicke, schamloses Sehen» scheint es Frank Gonzalez-Crussi zunächst wie die etablierten Diskursanalytiker zu machen: Im Stil von Michel Foucault oder Thomas W. Laqueur erzählt der emeritierte Pathologe bizarre, amüsante, mitunter auch verstörende Geschichten, um «Das Auge und die Welt» genauer unter die Lupe zu nehmen.
«Der 17. Juli des Jahres 1791», so wirft der Autor den Leser ins erste Kapitel, «war Zeuge einer blutigen Episode der turbulenten Geschichte der Französischen Revolution, des Massakers auf dem Marsfeld.» Es folgt ein durchaus unterhaltsamer Bericht über das verhängnisvolle Missgeschick zweier «Schwachköpfe»: In den Wirren auf dem Marsfeld hatten sie nichts Besseres zu tun, als sich unter einer Tribüne zu verstecken, um Frauen unter den Rock zu schauen. Ihr Ziel sollten die beiden jedoch nicht erreichen, denn sie wurden entdeckt – und, nachdem man sie als royalistische Verräter beschimpft und verprügelt hatte, geköpft. Dieser brutale Akt antimonarchischer Selbstjustiz wiederum rief die Royalisten auf den Plan, und kurz darauf ereignete sich das Massaker, das, so Gonzalez-Crussi, sich allein dem «sexuellen Verlangen zweier unbedeutender Halunken» verdankte.
Inwiefern erhellt diese Geschichte das Thema des Kapitels – der verbotene Blick auf das weibliche Genital? «Man kann sagen, dass in gewisser Weise das Schicksal sie vor der anonymen Gewöhnlichkeit bewahrt hat, indem es ihre Tat in eine Reihe gestellt hat mit den Namen derjenigen, die großes persönliches Unglück ertrugen wegen ihres ununterdrückbaren Verlangens zu sehen, was für sie verborgen bleiben sollte, die intime Anatomie der Frau», so lautet die Erklärung. Was so viel heißt wie: es rächt sich bitterlich, den verbotenen Blick auf die Vulva zu wagen.
Die Frau, das Mysterium der Nacht
Die verstaubte Schlichtheit dieser These steht in keinem Verhältnis zu der Ausführlichkeit, mit der Gonzalez-Crussi die Geschichte zum Besten gibt. Seine Erklärung, dass der Mann in der Frau «die Unersättlichkeit des Ozeans, das Mysterium der Nacht und die Abgründigkeit des Unendlichen» spüre und sich deshalb vor ihr fürchte, lässt eine andere Frage umso dringlicher werden: Warum hat der Autor, anstatt eine Geschichte an die nächste zu reihen, sich nicht Raum genommen für eine sorgfältige Analyse und eigene Überlegungen?
Das Wissen, über das Frank Gonzalez-Crussi verfügt, ist bemerkenswert: Unzählige Beispiele aus Kunst-, Kultur-, Wissenschafts- und Literaturgeschichte breitet er aus, vom Röntgenblick des chinesischen Arztes Bian Que bis zum Capgras-Syndrom des Schriftstellers W. Somerset Maugham. Doch wofür stehen die Beispiele? Welches Erkenntnisinteresse verfolgt der Autor mit seinen Ausflügen in die Kulturgeschichte? Wüsste er eine Antwort auf diese Fragen, hätte er dem Buch womöglich eine Einleitung vorangestellt; und er hätte sich seinem Sujet mit jener Tiefenschärfe genähert, die das Buch schmerzlich vermissen lässt.
Tatsächlich wahrt der US-amerikanische Mediziner Frank Gonzalez-Crussi eine eigentümliche Distanz zu seinem Gegenstand. Dabei hätten insbesondere jene Geschichten, die er selbst in seinem Alltag als Pathologe erlebt hat, durchaus nähere Betrachtung verdient. Doch er lässt sich nicht wirklich ein auf die Logik und das Begehren jener, deren «perverse» Schaulüste er in seinem Buch in aller Genauigkeit darstellt. Dass etwa manche Väter es sich nicht nehmen lassen, die Geburt ihrer Kinder – «hie und da beschmiert mit widerwärtigen mütterlichen Exkreten» – zu filmen, habe er «nie nachvollziehen können» und flüchtet sogleich in die Historie, die so manche anschlussfähige Anekdote bietet.
Am Ende stellt Gonzalez-Crussi sich die Frage, warum er die praktische Tätigkeit als Arzt irgendwann aufgegeben hat, um sich in die «ruhige Umgebung des Labors» zurückzuziehen. Ein entscheidender Grund liege darin, dass «das mikroskopische Präparat sehr schön anzuschauen» sei. Ob der Rückzug hinters Mikroskop jene Distanz widerspiegelt, die der Autor in seinem Buch gegenüber der Schaulust einhält, sei dahingestellt. Fest steht jedoch: Autoren wie Foucault und Laqueur schrieben deshalb so bahnbrechende Bücher, weil sie selbst den verbotenen Blick gewagt und auch genossen haben.
Frank Gonzalez-Crussi
Verbotene Blicke, schamloses Sehen. Das Auge und die Welt
Aus dem Amerikanischen von Peter von Düffel.
Berlin University Press, Berlin 2007. 260 S., 24,80 €