War die Schlacht im Teutoburger Wald der Moment, in dem Deutschland entstand? Ein nationaler Gründungsmythos wird immer dubioser
Für eine Wiese, so schrieb einst Emily Dickinson, brauche es nur einen Klee, eine Biene – und Träumerei. Den Deutschen, denen Träumerei bekanntlich nicht fremd ist, genügten vier Worte, um daraus einen ganzen Wald erwachsen zu lassen. Es waren Worte des römischen Historikers Tacitus. Seine 1455 wiederentdeckte «Germania» und seine 1507 im Kloster Corvey der Vergessenheit entrissenen «Annalen» überlieferten nicht nur die Kunde von einer siegreichen germanischen Befreiungsschlacht gegen die Römer, sie enthielten auch die einzig halbwegs konkrete Ortsangabe der Varusschlacht. Tacitus schrieb mehr als ein Jahrhundert nach der Katastrophe, die im Spätsommer des Jahres 9 den römischen Oberbefehlshaber in Germanien, Publius Quinctilius Varus, das Leben und Kaiser Augustus drei von insgesamt 28 Legionen, mehr als zehn Prozent der gesamten Militärmacht Roms, gekostet hatte. Er beschrieb die «Clades variana», die Varus-Katastrophe, rückblickend aus der Sicht der Truppen des Germanicus, die sechs Jahre nach der Schlacht im Zuge einer Strafexpedition die Knochen ihrer gefallenen Kameraden bargen und bestatteten. Zuvor habe Germanicus die Gegend zwischen den Flüssen Ems und Lippe verwüstet, welche «haud procul Teutoburgiensi saltu», also nicht fern jenes «saltus Teutoburgiensis» gelegen sei, wo, «wie es hieß, die Überreste des Varus und seiner Legionen unbegraben lagen». Was bei Tacitus als Teutoburger Wald bezeichnet wird, hieß bis ins 17. Jahrhundert Osning und verdankt seine Umbenennung einer neuzeitlichen, wenn auch von Tacitus inspirierten Zuschreibung. Unsicher wie die Lokalisierung ist auch der Ausdruck «Wald». Das lateinische «saltus» kann nämlich auch auf ein Waldtal oder auf einen von Höhen und Schluchten durchzogenen Landstrich hinweisen – das erläutert der Historiker und Archäologe Reinhard Wolters in seiner sachkundigen und präzisen Monografie.
Schlacht ohne Zeugen
Peter Arens fasst den «Kampf um Germanien» so zusammen: «Tausende von Barbaren brachen aus der Deckung des Waldes, begünstigt von Regen und Unwetter, drei Tage lang in die Flanken der Römer.» Das wirkt, als habe das leibhaftige Germanien die römischen Invasoren verschlungen. Angesichts solch unpräziser Berichte kann es kaum verwundern, dass Gelehrte, Heimat- und Hobbyforscher seit dem 16. Jahrhundert zwar rund 700 Orte der Varusschlacht bestimmt haben, Germaniens Böden sich aber hartnäckig weigerten, eindeutige archäologische Befunde preiszugeben. Erst in unseren Tagen haben Ausgrabungen in Kalkriese nördlich von Osnabrück archäologische Zeugnisse einer Schlacht zwischen Römern und Germanen zutage gefördert, die sich mit den Daten der Varusschlacht vereinen lassen.
Leider sind keine Augenzeugenberichte überliefert. Die Germanen schrieben noch überhaupt nicht, und die spärlichen lateinischen Quellen scheinen in ihrer Widersprüchlichkeit der Maxime «variatio delectat» zu folgen. Was Tacitus, Cassius Dio, Florus und Velleius Paterculus Jahrzehnte und Jahrhunderte nach der Varusschlacht zum Thema überliefert haben, stammt aus zweiter oder dritter Hand und steht in den Kontexten übergreifender Darstellungen und politischer Interessen.
Wie Günther Moosbauer in seinem Buch über Archäologie und Geschichte der Varusschlacht ausführt, könnte schon die Bezeichnung «Schlacht» irreführend gewesen sein. Die archäologischen Befunde «lassen nicht auf ein klassisches Schlachtfeld schließen, sondern deuten auf ein Defileegefecht hin, das sich über eine längere Strecke hinzog»; bislang erstrecke sich das Areal der archäologischen Funde über 30 Quadratkilometer. Wenn Moosbauer Recht hat, dann wurde ein durch unwegsames Gelände und dichte Vegetation auf viele Kilometer Länge überdehnter Heerwurm über mehrere Tagesmärsche hin zu Tode gehetzt, weil es ihm an Raum fehlte, seine überlegenen Waffen und Kampftechniken zum Einsatz zu bringen. In Kalkriese finden sich tatsächlich Reste eines germanischen Wallbaus, von dem aus die vorbeimarschierenden Römer attackiert werden konnten.
Wie es scheint, wurde noch am Ende des ersten Kampftages ein befestigtes Lager in klassischer Manier gebaut, danach schmolzen die Kräfte dahin, und als nach Jahren die Truppen des Germanicus den Spuren ihrer Kameraden folgten, stießen sie laut Tacitus auf eine «Unglücksstätte, grässlich anzusehen und voll schrecklicher Erinnerungen (…). Mitten in dem freien Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, je nachdem, ob die Leute geflohen waren oder Widerstand geleistet hatten. Dabei lagen Bruchstücke von Waffen und Pferdegerippe, zugleich fanden sich an Baumstämmen angenagelte Köpfe. In den benachbarten Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und die Centurionen der ersten Rangstufe geschlachtet hatten.»