Eine Neuausgabe seines dadaistischen Manifests zeigt den Dichter Walter Serner als nihilistischen Provokateur
Walter Serner war ein Lebemann und Geistesarbeiter, ein Bohemien und Dandy, ein Weltreisender und Urbanist. Während des Ersten Weltkriegs tummelt er sich da, wohin auch andere Kriegsgegner geflüchtet sind, um ästhetisch Widerstand leisten zu können: in Zürich. Serner gehört zu den Protagonisten der jungen Dada-Bewegung, er schreibt ein Manifest (von dem wiederum Tristan Tzara, sagen wir es vorsichtig, stark profitiert) und veröffentlicht es 1920 unter dem Titel «Letzte Lockerung». Darin geht es turbulent zu: Assoziationsreich setzt Serner kleine Paragrafen gegen das Chaos der Welt, wirbelt gedankenversonnen und komisch durch eine auf den Kopf gestellte Gegenwart, an der nichts mehr an seinem Platz ist. «1. Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins besprochen werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immerhin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können genossen werden, Gauguins nicht.»
Serners Manifest ist ein Aufschrei, der dem Absurden mit einer vermeintlich absurden Sprache beizukommen sucht. Die titelgebende «Lockerung» besteht darin, sich von den letzten, schal gewordenen Konventionen zu befreien – Konventionen, die in die Katastrophe geführt haben oder sie doch zumindest nicht verhindern konnten. Dada ist der Ort der Vernunft inmitten des Wahnsinns: «17. Krieg! C’est la guerre! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert!» Hereinspaziert: Am 9. April 1919 trug Walter Serner sein Manifest während der Dada-Soiree «Non plus ultra» in Zürich vor, und es kam zu tumultuösen Szenen; man zog den Autor von der Bühne, hielt ihn für größenwahnsinnig. Die nihilistische Provokation wirkte. Ganz hatte man die «Kotkugel» noch nicht aufgegeben.
Walter Serner wurde 1889 in Karlsbad als Walter Eduard Seligmann geboren – den neuen Namen gab sich der Jude nach seiner Konversion zum Katholizismus. Serners Vater war Herausgeber der «Karlsbader Zeitung», für die auch der Sohn Feuilletons verfasste. In Wien begann er ein juristisches Studium, das er in Berlin mit der Promotion abschloss. Er schrieb in den Zwanzigern Kriminalgeschichten, am bekanntesten wurde der Kurzroman «Die Tigerin».
Gegen das Gift der Beliebigkeit
Als Serner sich von der dadaistischen Bewegung schon lange losgesagt hatte, erschien die «Letzte Lockerung» in neuer, erweiterter Ausgabe, versehen mit einem 1927 in Genf geschriebenen zweiten Teil und mit dem Untertitel «Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen». Von der zeitgenössischen Kritik wurde das Buch totgeschwiegen oder als Dokument eines unmoralischen, ja, kriminellen Charakters gelesen; Serner hatte daraufhin unter antisemitischen Angriffen zu leiden. Nach 1927 veröffentlichte er nichts mehr. Er ging nach Prag; 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert.
All dies erfährt man im erhellenden Nachwort des Juristen und Schriftstellers Georg M. Oswald zur gerade erschienenen Neuausgabe der «Letzten Lockerung». Der vom Herausgeber Andreas Puff-Trojan klug kommentierte Band ist ein großer Gewinn: Nicht etwa nur, weil wir mit Serners Manifest ein Zeugnis der historischen Avantgarde wiederlesen können. Vielmehr hat der ironische Charakter, die zweifellos sehr ernste, sehr böse Sicht auf eine verdorbene Welt, etwas Blickschärfendes. Serner klärt uns darüber auf, was man auf Reisen und in Hotels beachten muss, wie man es mit Frauen und Männern halten sollte und wie mit der Politik und der hehren Philosophie.
Das ist alles von einer nonchalanten, entwaffnenden Gemeinheit: ein Antidot gegen das Gift der modernen Beliebigkeit, die mit Toleranz verwechselt wird. Serners Ausführungen zeugen von Stilbewusstsein und einem etwas überdrehten Distinktionsbemühen, übrigens auch sprachlich: Elegant und kühl werden uns Ungeheuerlichkeiten in Sentenzform, nicht ganz ernst gemeinte Handlungsanweisungen als Aphorismen serviert. Manche allerdings darf man gerne auch heute noch beherzigen: «101. Sei nicht zu interpretativ. Der Mensch ist viel gedankenloser und verworrener, als diejenigen auch nur ahnen, die ein mißgünstiges Geschick zu Dichtern machte.»
Walter Serner
Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen
Hg. von Andreas Puff-Trojan. Nachwort von Georg M. Oswald.
Manesse, Zürich 2007. 293 S., 19,90 €