Die Bilder der Paula Modersohn-Becker waren ein Skandal. Leben und Werk machten sie zur weiblichen Ikone – und zum Gegenstand neuer Biografien
Am 20. November 1907 starb die Malerin Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren an einer Embolie – zu früh, um noch mitzuerleben, dass sie eine Kunstbewegung der Moderne entscheidend geprägt hatte: Sie war eine Vorreiterin des Expressionismus. Ihren Stil hatte sie in der Künstlerkolonie Worpswede und in Paris entwickelt, wo sie die Bilder von Cézanne, Picasso, Rodin und Gauguin gesehen und das urbane Klima genossen hatte.
Modersohn-Beckers Werk, das im Nationalsozialismus als «Verhöhnung der deutschen Frau und des Bauerntums» geächtet wurde, umfasste mehr als 730 Gemälde und rund 1000 Zeichnungen; nur fünf Bilder hatte sie selbst verkaufen können, lediglich zwei Ausstellungen hatten zu ihren Lebzeiten ihre Arbeiten präsentiert – und die Kritik war zum Teil vernichtend gewesen. Der Malerkollege Arthur Fitger schrieb über die erste Schau 1899 in der Kunsthalle Bremen: «Für die Arbeiten der beiden genannten Damen (Paula Becker und Marie Bock) reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen.»
Mit der satten Farbigkeit ihrer Bilder, den oft klobigen, ungeschönten Portraits, dem Verzicht auf erzählerische Gesten oder schmückende Ornamentik stieß die Malerin bei ihren Zeitgenossen auf Unverständnis. Später sollten die Organisation ihrer Gemälde durch Farbe, die vehement subjektivistische Reduktion auf Wesentliches und der am Pinselstrich nachvollziehbare Malprozess zum Kennzeichen des expressionistischen Aufbruchs werden.
Ihre unkonventionelle Lebensgeschichte macht Paula Modersohn-Becker für Biografen besonders attraktiv: Ihre Zeit verweigerte Künstlerinnen die Ausbildung, die Arbeit mit Aktmodellen, die Teilhabe am Kunstmarkt und die Anerkennung der Kunstgeschichte – doch mit umso größerer Entschiedenheit trieb Modersohn-Becker ihre professionelle künstlerische Laufbahn voran.
Die nun zu ihrem hundertsten Todestag erscheinenden Biografien können auf die Briefe und Tagebücher zurückgreifen, in denen die Künstlerin ihre besondere Rolle bereits selbst reflektiert. Unter diesen Lebensbeschreibungen überzeugt am ehesten das Buch von Rainer Stamm: Virtuos und spannend zeichnet er den künstlerischen Werdegang Modersohn-Beckers nach. Der Literatur- und Kunsthistoriker konzentriert sich in Auseinandersetzung mit ihrer Familie, ihren Lehrern und ihren Kunstreisen auf die Entwicklung des besonderen Stils der Künstlerin.
Nietzsche als Mutmacher
Auch die Biografien von Barbara Beuys, Kerstin Decker und Renate Berger sowie die Wiederauflage des Bild- und Textbandes von Christa Murken würdigen Modersohn-Becker als Ausnahme-Künstlerin und gehen auf die historischen Bedingungen des Bürger- und Künstlertums der Jahrhundertwende und der beginnenden Moderne ein.
Dennoch scheint gerade die Analyse der Geschlechterverhältnisse nicht viele Abstufungen zwischen den Polen «Heroine» oder «Opfer» zuzulassen. Beuys psychologisiert vor allem über die Familie Paula
Beckers, insbesondere über den schwermütigen Vater, der seine Tochter mit Doublebind-Botschaften belastete: Er unterstützte sie, kritisierte sie zugleich heftig und zwang ihr eine Lehrerinnen-Ausbildung auf.
Die Biografin Kerstin Decker legt den Schwerpunkt auf die komplizierte Spiegel-Beziehung zwischen Paula Modersohn-Becker und Rainer Maria Rilke, der die Bildhauerin Clara Westhoff, Paulas engste Freundin, geheiratet hatte. Decker beschreibt einleuchtend, wie Rilke nach der Entfremdung der Freundinnen – zunächst in Worpswede, dann in Paris – die Stelle jener «Schwesternseele» einnimmt, die früher Clara Westhoff besetzt hatte. Leider rutscht Deckers Sprache dabei oft ins Gefühlige.
Ähnliches geschieht in der Biografie der Kunsthistorikerin Renate Berger. Sie hebt den prägenden Einfluss Friedrich Nietzsches hervor: Modersohn-Beckers Beschäftigung mit dem Philosophen sei das entscheidende Ereignis auf dem Weg zum nötigen «Egoismus» und Motor des «Werdens» gewesen; Nietzsches Misogynie habe die Malerin schlicht ignoriert.