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Bücher des Monats

Würde und Bürde der jüdischen Differenz
Wie der deutsch-israelische Soziologe Natan Sznaider einen jüdischen Kosmopolitismus einklagt, für den er selbst einsteht

«Kosmopolitismus» ist ein neues Code-Wort: Es lädt ein zur vorauseilenden Ablehnung ohne Gewissensbisse und ohne Leseverpflichtung. Die Botschaft «Ich bin dagegen» scheint dem Wort innezuwohnen. Dagegen kann man philosophische Prolegomena verfassen, Massendaten zu kosmopolitischen Einstellungen erheben und interpretieren. Oder aber, wie der israelische Soziologe Natan Sznaider in seinem neuen Buch, den Blick öffnende Geschichten erzählen, die Geschichte erzählen.

Bruno Schulz – Maler, Dichter und Schriftsteller – wurde 1942 von einem SS-Offizier dazu gezwungen, die Wände des Kinderzimmers in dessen Villa in Drohobycz mit Motiven aus Grimms Märchen zu bemalen. Er tat es. Kurz darauf wurde Schulz von einem anderen deutschen Offizier auf offener Straße erschossen. Juden waren Freiwild damals, sie am helllichten Tag vor den Augen der Öffentlichkeit zu ermorden, also nichts Ungewöhnliches. Die bemalten Kinderzimmerwände tauchten erst im Jahre 2001 wieder auf – und damit die Frage: Wem gehören sie?

Schulz lebte zwar immer an demselben Ort – Drohobycz –, aber die nationalen Grenzen und Zugehörigkeiten wechselten: Polen, Sowjetunion, Ukraine. Wer die Sprache als Schlüsselmerkmal der Kultur versteht, macht Bruno Schulz zum polnischen Schriftsteller. Wer Kunst national und territorial definiert, macht Schulz zum ukrainischen Künstler, mehr noch, die bemalte Kinderzimmerwand zu ukrainischem Besitz. Wer dagegen sagt: Schulz wurde – egal, wo er lebte, und welche Sprache er sprach – als Jude auf offener Straße ermordet, kann folgern: Das Kinderzimmer des SS-Mannes ist jüdisches Kulturerbe, das ins Holocaust-Museum «Yad Vashem» in Jerusalem gehört.

Das sind beileibe keine Randfragen, sondern Fragen, die das Tor zu den Rätseln im «Gedächtnisraum Europa» aufschließen: Gibt es eine jüdische Nation ohne Territorium, die verstreut und über Grenzen hinweg in Europa lebt(e)? Waren die europäischen Juden gleichzeitig assimiliert, orthodox, jüdisch und nicht-jüdisch? Und ist es gerade dieses Nicht-Dazugehören, das auf die Bosheit des antisemitischen Bewusstseins traf, auf die Entschiedenheit des antisemitischen Staates, die transnationalen jüdischen Kulturen und kosmopolitischen Kleingesellschaften im Herzen Europas auszumerzen?


Ist der wahre Jude der Nicht-Jude?

Und nicht zuletzt: ist das tatsächlich ein historisch überwundener Ausnahmezustand? Oder gibt es versetzte Parallelen, die tief ins europäische Selbstverständnis eingelassen sind, weil der universalistische Stolz Europas es den Juden zwar erlaubte, sich als Gleiche – als Deutsche, Franzosen etcetera – in Europa zu integrieren, aber eben nicht als Juden? Mussten die Juden nicht gerade auch in Europa ihr Jüdischsein immer an der Garderobe abgeben und konvertieren oder sich assimilieren, um als Gleiche anerkannt zu werden? Ist also immer noch im Bilde Europas der wahre Jude der Nicht-Jude (ebenso wie der wahre Schwarze der Nicht-Schwarze oder der wahre Muslim der Nicht-Muslim ist)?

Natan Sznaider hat in seinem neuen Buch-Essay «Gedächtnisraum Europa» eine weitere Geschichte ausgegraben, deren Unglaublichkeit genau seine Pointe veranschaulicht. Die Nazis haben die Juden Europas mit großer Akribie umgebracht – aber ihre Bibliotheken gesammelt, um nach dem «Endsieg» an diesem kulturellen Material, wie es in Alfred Rosenbergs Rede «Die Juden­frage als Weltproblem» heißt, «die Giftigkeit des jüdischen Blutes einer langen Geschichte streng erfahrungsgemäß festzustellen, wie man auch Gift in gewissen Pflanzen feststellt». Nach dem Ende des «Endsiegs» fanden die Amerikaner die wundervollen Schät­ze der vielsprachigen jüdischen Bibliotheken Europas vor, mehr als 3,5 Millionen Bücher umfassende Listen. Sie stellten, wie Natan Sznaider schreibt, das Testament für das reiche kulturelle Leben der Juden dar, das systematisch ausgemerzt worden ist.


Gegen jedes «Wir» steht ein «Die»

Es war nicht zuletzt Hannah Arendt, die aus diesem Fund ein politisches Votum machte. Diese immense Bibliothek, argumentierte sie, stehe für die kosmopolitische Nation der Juden in Europa, die nicht in den politischen Nationen Europas aufgehe, sondern zu Recht eine kulturelle Autonomie beanspruche. Diese gelte es nun allerdings welt­öffentlich politisch anzuerkennen.



Ulrich Beck / Literaturen / Seite 47 / September 2008

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