'Ich sterbe nicht an Aids. Ich lebe mit Aids'
Edwin Cameron ist Richter in Südafrika, hat Aids und kämpft für einen gerechteren Umgang mit Aids-Kranken. Jutta Person empfiehlt diesen streitbaren, aufklärerischen und faktenreichen Bericht aus dem Innern der Epidemie.
«Pfizer verpflichtet sich dem Wunsch der Menschheit nach einem längeren, gesünderen und glücklicheren Leben», kann man auf der Website des weltweit vertretenen Pharma-Herstellers lesen. Unter dem Stichwort «soziales Engagement» verweist der Konzern darauf, dass in 42 Entwicklungsländern das Antimyotikum Diflucan kostenlos zum Einsatz kommt. Dieses Medikament hilft gegen eine schmerzhafte Pilzerkrankung, die bei HIV- und Aids-Patienten zum Tod führen kann.
In Südafrika wurde Diflucan vor wenigen Jahren zum Dreh- und Angelpunkt einer spektakulären Selbsthilfe-Kampagne. Im Mai 2000 sagte Christopher Moraka, ein arbeitsloser, schwer erkrankter Südafrikaner, vor dem Parlament als Zeuge aus: Die Abgeordneten debattierten über die Patentrechte, die Pfizer in Anspruch nahm, und die dadurch extrem hohen Arzneimittelpreise. Diflucan-Rationen für zwei Wochen kosteten 1120 südafrikanische Rand, fast ein durchschnittliches Monatseinkommen. Im Juli desselben Jahres starb Christopher Moraka an den Folgen der Pilzinfektion. Eine Aids-Aktivistengruppe importierte daraufhin gegen alle rechtlichen Bestimmungen ein viel billigeres Generikum aus Thailand (wo Pfizer kein Patent erworben hatte) – und zwang damit den Pharma-Riesen in die Knie.
«Auch andere große Pharmafirmen stellten jetzt den am stärksten betroffenen Ländern Diflucan kostenlos zur Verfügung», erklärt Edwin Cameron in seinem einfühlsamen, aber nie gefühligen Buch über die afrikanische Aids-Epidemie. «Tod in Afrika» ist sowohl Tatsachenbericht als auch Lebenszeugnis: Der südafrikanische Richter kämpft nicht nur als Menschenrechtsexperte für einen gerechteren und humaneren Umgang mit HIV- und Aids-Kranken. Edwin Cameron hat selbst Aids, und er wird nicht müde zu betonen, dass ihm der medizinische Fortschritt ein zweites Leben geschenkt hat.
Beherrschbar versus bezahlbar
Arzneimittelpreise, Patentrechte und die große Frage nach dem geistigen Eigentum sind ein entscheidender, oft genug tödlicher Faktor für afrikanische Aids-Patienten: Mit so genannten antiretroviralen Medikamenten, welche die Aktivität des Virus im menschlichen Körper unterbinden, ist die Krankheit in einer Kombinationstherapie beherrschbar geworden. Sie ermöglicht HIV-Infizierten noch viele Jahre lang ein verhältnismäßig normales Leben – der ebenso schnelle wie qualvolle Tod bleibt denen erspart, die es sich leisten können.
Vieles hat sich im neuen Jahrtausend gebessert: Die Macht der Konzerne wird durch den Streit ums Patentrecht, durch Zwangslizenzen und den öffentlichen Protest der Aktivistengruppen zunehmend infrage gestellt. Und trotzdem: «Rund sechs Millionen Menschen mit HIV oder Aids in den Entwicklungsländern benötigen eine Therapie. Von ihnen haben weniger als acht Prozent gegenwärtig Zugang zu den entsprechenden Medikamenten.»
Aber Arzneimittel und Pharmakonzerne sind nur die sichtbare Seite einer komplexen Gemengelage aus Armut, Rassenstereotypen, Realitätsverweigerung und Scham. «Das Stigma – die soziale Ächtung, verbunden mit Erniedrigung, Schmach und Ablehnung – ist das unentrinnbarste, undefinierbarste und hartnäckigste Problem dieser Epidemie», schreibt Cameron. Eine große Mehrheit der Infizierten bleibt mit der Krankheit aus Angst und Scham allein – obwohl die Infektionsraten schier erdrückend sind.