Doch das war eine Täuschung. Hans Fallada, so erinnert sich Ulrich Ditzen im Vorwort, habe einen «feinfühligen Nerv» für Menschen gehabt, und was ihn zum guten Vater zu prädestinieren schien, sieht der Sohn heute als Wurzel seines Unglücks: «Die Welt seiner Tage griff zu auf ihn, ließ ihn mitten darin stehen, nicht darüber. Stärke war sein Haupt-Charakterzug wohl nicht.»
Zwischen Klinik und Schreibmanie
Ende 1940 machte Fallada eine längere Phase der Depression durch, lebte für einige Wochen in einem Berliner Sanatorium, wo ihm keine Schreibmaschine zur Verfügung stand. So klafft in der publizierten Korrespondenz eine Lücke. Die Fragen des Zehnjährigen «Hoffentlich geht es Dir schon besser?» (31. 10.) und «Wie geht es Dir?» (5. 12.) erscheinen wie ins Leere gesprochen.
Während der brieflich gut dokumentierten nächsten Jahre dann muss sich, für Vater und Sohn weitgehend unbewusst, ein Wechsel vollzogen haben. Uli hat gelernt, die väterlichen Krankheiten mit derselben Gelassenheit zu behandeln wie dessen Ermahnungen wegen seiner Schreibfaulheit und seiner schlechten Zensuren. Wenn der Sohn seinen Brief vom 11. Februar 1943 mit den Worten «Lieber Papa! Es ist ja nicht gerade schön daß du wieder einmal krank bist» einleitet, um dann fortzufahren «Aber das geht wohl auch wieder vorüber», kann man ahnen, dass die Depressionen und Sanatoriumsaufenthalte seines Vaters schon für den Zwölfjährigen nichts Ungewöhnliches mehr waren.
Anderthalb Jahre später, am 28. August 1944, kommt es zur Eskalation: «Die Mutter und der alkoholisierte Vater gerieten in einen Streit, in dessen Verlauf der Vater einen ungezielten Schuß aus einer altertümlichen Pistole (Terzerol) abgab», fügt der Herausgeber ein. Die Polizei bringt Hans Fallada in die Landesheilanstalt Neustrelitz-Strelitz. Die Familie ist zerbrochen, auch wenn man zumindest die äußeren Lebensumstände zu wahren sucht. Von nun an geht es bis zu Falladas Tod im Februar 1947 nur noch bergab. Die Korrespondenz zerfasert. Uli lebt in Berlin – oft ohne seinen Vater, der zwischen Klinik-Aufenthalten und manischen Schreibphasen hin und her schwankt, «hungrig nach der nächsten Spritze».
Briefwechsel zwischen Eltern und Kindern haben etwas Asymmetrisches. In Falladas Fall hat sich diese Asymmetrie schließlich umgekehrt. Die letzte schriftliche Nachricht, die der Sohn vom Vater bekam, enthielt den Wunsch: «Bitte besorge für die beiliegende Karte in dem Geschäft neben der Kommandantur Zigaretten.»
Hans Fallada/Uli Ditzen
Mein Vater und sein Sohn. Briefwechsel
Hg. von Uli Ditzen.
Aufbau, Berlin 2004. 243 S., 18,90 €