Hans Fallada und sein Sohn geben in ihren Briefen Bericht vom Zerfall einer Familie
Briefwechsel zwischen getrennt lebenden Eltern und Kindern haben etwas Asymmetrisches, und das nicht nur, weil Kinder selten geborene oder begeisterte Briefschreiber sind. Der elterlichen Fürsorge begegnen kindliche Versorgungsansprüche, die sich vom Wunsch nach emotionaler Zuwendung auch auf profane Dinge verlagern können: «Liebe Mama, ich danke recht schön für die Pfannkuchen», hat einst Otto Julius Bierbaum seinen unvergesslichen «Stilpe» aus dem Internat schreiben lassen, «aber es waren sechs ungefüllte dabei.»
Uli Ditzen, der älteste, 1930 geborene Sohn Hans Falladas, stand diesem literarischen Zögling in nichts nach, wenn er am 22. Januar 1942 aus dem Joachimsthalschen Internat im uckermärkischen Templin an den Vater im nicht sehr weit entfernten Dorf Carwitz schrieb: «Schicke mir bitte sofort Zahnpasta. Meine ist vollständig eingetrocknet. Könnte ich auch bitte ein bischen Schmalz und Marmelade bekommen.» Es sind solche Details – hier Momentaufnahmen aus einem deutschen Kriegswinter –, die den Briefwechsel zu einer Quelle der Alltagsgeschichte machen. Von April 1940 bis ins Jahr 1946 schrieben Fallada und sein Sohn einander zunächst sehr regelmäßig und dokumentierten damit ungewollt, wie Krieg und Kriegswirtschaft auch die deutsche Provinz erfassten, wie die ersten Bomben fielen, die Versorgung schlechter und die militärische Organisierung auch der Jugendlichen immer intensiver wurde.
Selbst wenn Ulis Vater nur der kleine Nebenerwerbs-Landwirt gewesen wäre, als der er sich auf dem Carwitzer Seegrundstück betätigte, nur der Bienenzüchter, Gänsehirt und Vater dreier Kinder, schon dann wären diese Briefe lesenswert. Doch Rudolf Ditzen war eben auch der Schriftsteller Hans Fallada, ein labiler, suchtgefährdeter Mann. In Carwitz setzte er einen Therapieversuch fort, den seine Eltern initiiert hatten: Sie verschafften ihrem Sohn eine landwirtschaftliche Ausbildung, nachdem er 1911 wegen eines nur halb geglückten Doppelselbstmordes zunächst des Mordes angeklagt und dann in eine Nervenheilanstalt gebracht worden war.
Vor diesem Hintergrund dokumentiert «Mein Vater und sein Sohn» nicht nur, wie Deutschland in den Abgrund glitt. Zwischen den Zeilen eines liebenden, wegen Ulis schlechter Leistungen und manches seiner Streiche besorgten, manchmal auch strengen Vaters, zuletzt aber ganz offen, lässt sich darin verfolgen, wie Fallada und mit ihm seine Familie zerbrach.
Anfänglich erscheint Carwitz als die Idylle, die es für Fallada, seine Frau Anna und die Kinder hätte sein sollen – ein Paradies, aus dem Uli schon halb ausgeschlossen ist, während seine jüngere Schwester «Mücke» und sein gerade geborener Bruder Achim den Stoff für manche brieflich festgehaltene Anekdote liefern: «Der Achim wächst und schreit recht oft, / Weil er auf mehr Getränke hofft», reimt ein gut gelaunter Fallada am 30. Juni 1940. Die Land- und Familientherapie scheint ihm zu bekommen, und dem Sohn, der unter Heimweh leidet, schreibt er zwei Monate später: «Dein alter Vater ist viele Jahre in seinem Leben ganz einsam gewesen, und er weiss, wie schwer dann das Leben ist.» Das klingt, als sei dieses Kapitel abgeschlossen, und das soll es wohl auch.