Christian Y. Schmidt entzündet ein asiatisches Feuerwerk aus Mythen und Vorurteilen
Doch, die Chinesen können ein R aussprechen. Die Pekinger rollen das R sogar wie die Siegerländer, meint Christian Y. Schmidt. Seine gesammelten «Bliefe von dlüben» sind kein trockener Reisebericht, sondern eine lebenspralle Ethnografie, die sich der in China lebende Autor im schonungslosen interkulturellen Selbstversuch erschrieben hat.
Endlich ein Kulturführer, der das Fachwissen in 35 zwerchfellerschütternden Lektionen vom Sinologen-Stammtisch in die breite Gesellschaft trägt. Zum Beispiel das: Die gesamte chinesische Apfelsaftindustrie produziert 1,7 Millionen Tonnen Apfelsaftkonzentrat im Jahr, was dem jährlichen Weltkonsum entspricht. Dagegen kommen westliche Softdrink-Giganten mit ihren noch so guten Werbesprüchen nicht an; Coca Cola heißt auf Chinesisch Ke Kou Ke Le, was so viel bedeutet wie «dem Mund erlauben, sich zu freuen».
Umweltskandale, Menschenrechtsverletzungen und Internetzensur, über all das ist man im Westen gut informiert. Aber was wissen wir schon über den Alltag in dem Land, in dem «momentan die größten materiellen Umwälzungen stattfinden, die die Welt je erlebt hat»? Ein Chinajahr, rechnet Schmidt vor, entspricht fünf Deutschlandjahren. Im Fall einer Fortsetzung der Großen Koalition sind es vermutlich doppelt so viele.
In diesem China-Crashkurs lässt der ehemalige Titanic-Kolumnist am laufenden Band Mythen, Quatsch und Vorurteile explodieren wie ein asiatisches Feuerwerk und stellt etwa fest, dass der Mundschutz mitnichten zur obligatorischen Alltagsbekleidung der Pekinger gehört. Wenn nicht gerade eine SARS-Epidemie um sich greift oder die Sandstürme im Frühjahr durch die Stadt fegen, wird er höchstens von überkandidelten Society-Zicken getragen.
Überhaupt müssten, findet Schmidt, die Bewohner im «Land des Lächelns» (Franz Lehár) mit ihren grimmigen Wohnungsvermieter-Mienen in den «Weltmißmuts-Charts» den ersten Platz einnehmen. Seine Wahlheimat beschreibt der Kantonesen-Kisch in prallen Anekdoten als Land des Rotzens, Brüllens und Randalierens. «Auch junge, harte Damen rotzen hier schamlos wie die Soldaten».
Sinologischer Fluch-Knigge, Hunderestaurant-Führer, Einkaufsbrevier für Produktpiraten («Dieses Qualitätsfake-Rolex ist mir zu teuer. Haben Sie keine normalen Kopien?») – Schmidts Buch ist so vieles, dass man sich fragt, was es denn nicht ist. Ganz einfach: langweilig.
Christian Y. Schmidt
Bliefe von dlüben. Der China-Crashkurs
Rowohlt Berlin, Berlin 2009. 224 S., 14,90 €
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