Wie ein französischer Regisseur im Sommer 1951 ein unscheinbares bretonisches Seebad in den Schauplatz einer der schönsten Komödien der Filmgeschichte verwandelte.
Viel zu kurz, die Hose. Und dieses Hütchen. Wahrscheinlich alles in Rentnerbeige. Der Schlaks in dem kleinen Strandhotel hält seine Koffer ganz fest, als er an der Rezeption steht, den Oberkörper wie zur Andeutung einer Verbeugung nach vorn geneigt. Und so bleibt die Pfeife auch im Mund, als man ihn nach seinem Namen fragt. „Chü-oh.“ – „Wie bitte?“ – „Chüüü-oooh!“ – „Sie gestatten?“ Der Rezeptionist nimmt dem Gast die Pfeife aus dem Mund. „Hulot. H-U-L-O-T.“ Aha. Der Mann hinter der Theke schreibt den Namen ins Meldebuch, stopft die Pfeife und steckt sie Monsieur zurück in den Mund.
Eine Szene von zig in diesem Film und jede ein Gegenstand von Seminaren an Filmakademien. „Les vacances de Monsieur Hulot“, „Die Ferien des Monsieur Hulot“, heißt der Film und Jacques Tati sein Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Der Film kommt 1953 in die Kinos, erst in Paris, im Jahr darauf in der halben Welt. Diese Präzision, dieses Timing, diese Technik, sagen Cineasten. Diese feinsinnige Komik, dieser subtile Humor, dieser warme Mutterwitz, klar besser als Chaplin, sagen Fans und Kritiker. Er läuft lange Jahre en suite, ein großer Erfolg, räumt Preise ab in Cannes und bei anderen Festivals, unter-liegt beim Oscar für den besten ausländischen Film 1954 knapp gegen „Lohn der Angst“ mit Yves Montand, kurzum: Er macht seinen Schöpfer berühmt – und ein Städtchen an der bretonischen Südküste, Saint-Marc-sur-mer an der Côte d’Amour.
Das Mauerblümchen der Loiremündung
Zum Verlieben ist die Gegend westlich von Saint-Nazaire an der Loiremündung tatsächlich, und Saint-Marc ist so etwas wie das Mauerblümchen unter den Dörfern an dieser herrlichen Küste mit türkisfarbenen Felsenbuchten und kleinen weißen Stränden vor Hängen voller Hortensien. Hübsch, aber viel stiller jedenfalls als das nahe La Baule. Das chice und sehr mondäne Seebad mit dürren Haute-Couture-Damen und ihren Gatten in weißen Tennisanzügen lässt Jacques Tati im frühen Frühjahr 1951 bei der Suche nach dem richtigen Schauplatz für seinen Film links liegen. Tati hatte Dutzenden Bürgermeistern und Fremdenverkehrsämtern französischer Badeorte einen Fragebogen geschickt. Das bescheidene Saint-Marc hat, was er sucht. Hier, das weiß er, wird er einen tollen Sommer erleben.
Der Film erzählt von dem Junggesellen Hulot, einem unbeholfen-ritterlichen langen Lulatsch mit unvergesslicher Silhouette, der wie ein seltsamer Storchenvogel an einem Sommertag in einen Badeort stakst, wo er seine Ferien verbringen will. Er reist in einem absurden Auto an, einem Zweisitzer, der aussieht wie eine Seifenkiste und immer „Rata-katakrack-pif-paf“ von sich gibt. (Das Auto, ein 1924er Salmson, bekam durch den Film eine gewisse Berühmtheit. Man muss annehmen, dass Salmson-Fahrer manch verblüffendes Erlebnis hatten.)