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Ausstellung

Overkill in der Nuss-Schale
Foto: © ESA/DLR/FU Berlin, G. Neukum
300 Jahre Wissenschaftsgeschichte auf einer Etage: Der Schau «WeltWissen» im Berliner Martin-Gropius-Bau gelingt die Quadratur des Kreises.

Eigentlich ein unmögliches Unterfangen: 300 Jahre Wissenschaftsgeschichte in allen Facetten auf einer Etage des Martin-Gropius-Baus auszustellen. Zumal vier Jubilare gefeiert werden wollen, von denen keiner vernachlässigt werden darf. Die Charité, Europas größtes Krankenhaus, wird 300 Jahre alt; ebenso die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

Die Humboldt-Universität feiert ihren 200. Geburtstag und die Max-Planck-Gesellschaft ihren 100. Um nicht übersehen zu werden, sind noch vier weitere Schwergewichte dabei: die Freie und die Technische Universität, die Staatsbibliothek und die Staatlichen Museen. Alle ganz uneigennützig und auf Harmonie bedacht.
 
Dem Team um Kurator Jochen Hennig ist es dennoch gelungen, die Schau fristgerecht auf die Beine zu stellen. Indem es sich auf ein wissenschaftliches Prinzip besann: Nur das Wichtigste auswählen und den Rest ignorieren. Zwar kamen so immer noch 1500 Exponate zusammen, die einzeln zu würdigen Tage dauern würde – doch nicht Jahre.
 
Zudem gibt die Inszenierung ihr Bestes, um durch Methodenpluralismus – um im Jargon zu bleiben – die trockene Materie mundgerecht zu servieren. Die Ausstellungsarchitektur zieht alle Register: Jeder Raum sieht völlig anders aus. So gleicht der Rundgang eher dem Lustwandeln in einer barocken Wunderkammer als der Stippvisite im deutschen Wissenschaftsbetrieb.
 
Allerdings ist der Auftakt missraten. Im Lichthof des Gebäudes hat der Künstler Mark Dion ein Hochregal über drei Etagen errichtet und mit Objekten bestückt – es wirkt wie ein riesiger Setzkasten. Putzig und dekorativ sieht er aus, taugt auch hervorragend als Fotomotiv, aber der Erkenntniswert ist nahe Null - trotz interaktiver Fernrohre, die die Objekte erklären sollen.
 
Video-Interview mit Kurator Jochen Hennig und Impressionen aus der Ausstellung
 
Das ändert sich in den Seitenflügeln. Der linke ist chronologisch nach Epochen geordnet, der rechte nach Forscher-Tätigkeiten, so genannten «Wissenswegen». Jeder Saal wird von raumgreifenden Installationen gefüllt, die ihn zum sinnlichen Erlebnis machen. Auch wenn man anfangs wenig versteht – die Neugier wird geweckt. Und die ist erste Voraussetzung aller Wissenschaft.
 
Beim Schnelldurchgang durch drei Jahrhunderte kommen moderne Medien massiv zum Einsatz. Bild- und Tondokumente, Diaprojektionen, Filme und Computer-Simulationen werden aufgeboten, um verblichene Geistesgrößen und die Früchte ihrer Bemühungen dem Publikum nahe zu bringen. Anschaulichkeit ist Trumpf. Dabei sorgen die beteiligten Einrichtungen dafür, dass alles grundsolide und hochseriös bleibt: Infotainment von akademischem Rang.
Foto: © ESA/DLR/FU Berlin, G. NeukumFoto: Roman MärzFoto: Roman MärzFoto: Roman März
Wobei Rückschläge und Irrwege nicht ausgespart bleiben. An manchem Heros blättert der Lack, etwa an Robert Koch: Sein erstes Medikament gegen Tuberkulose war unwirksam – er hatte es nicht lange genug getestet. Auch die politische Indienstnahme von Wissenschaft wird ausgiebig behandelt: von der Herstellung von Prothesen für Kriegsversehrte bis zur Rassenforschung unter dem NS-Regime.
 
Mit den «Wissenswegen» ist den Machern ein kleiner Geniestreich gelungen: Anstatt zahllose Disziplinen einzeln vorzuführen (und sich ihre eifersüchtige Kritik aufzuhalsen), konzentrieren sie sich in elf Räumen auf grundlegende Tätigkeiten, die fächerübergreifend ausgeübt werden. Wie Sammeln, Vermessen und Experimentieren, aber auch Kooperieren, Streiten und «Entwerfen und Verwerfen». So entsteht ein Panorama von Handlungspraktiken, die Wissenschaft erst möglich machen.
 
Anhand einer Unzahl von Artefakten. Gezeigt wird buchstäblich alles, was Gegenstand von Wissenschaft werden kann: Von Ausgrabungen über Präparate und Modelle bis zu bizarr anmutenden Konstruktionen. Hier erscheint Wissenschaft als Parallelwelt, die im Alltag unsichtbar bleibt, aber mindestens ebenso viele Formen und Erscheinungen aufweist.
 
Ergänzt wird diese vor Anregungen berstende Ausstellung durch ein selten dichtes Begleitprogramm: fast täglich Vorträge, Diskussionsrunden, TV-Sondersendungen auf Arte und Exkursionen. Die Video-Bustour bietet überdies eine spezielle Stadtrundfahrt zu wenig bekannten Orten im Stadtgebiet, an denen Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde.
 
Die beteiligten Institutionen legen sich wirklich ins Zeug; als wären sie froh, ihre Forschungsgebiete endlich der breiten Öffentlichkeit vorstellen zu dürfen. Und der Nukleus all dieser Aktivitäten ist die zentrale Schau im Gropius-Bau: Sie versammelt den Overkill des modernen Wissenschaftsbetriebs quasi in einer Nuss-Schale.

 


23.09.2010 Oliver Heilwagen
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