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Kulturgeschichte

Gegenbilder in weiblicher Gestalt
Ephesisch. Foto : Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz Speyer
Amazonen sind Fabelwesen, wie jeder weiß. Doch die Griechen schufen sie nach sehr lebendigen Vorbildern, zeigt eine Ausstellung in Speyer.

Wenn es um Fabelwesen geht, darf ein bisschen Fantasy sein: Dramatisch jagen dunkle Wolken über die Leinwand. Bedrohlich stapfen die Silhouetten von Hopliten durchs Bild, den schwer bewaffneten Fußkriegern im antiken Griechenland. Frauen sind nicht darunter, denn Amazonen hat es nie gegeben. Oder vielleicht doch?

Mit dieser kontrafaktischen Annahme spielt nicht nur der Film am Eingang, sondern die gesamte Amazonen-Schau im Historischen Museum der Pfalz – laut Eigenwerbung die allererste zum Thema. Sie spinnt das «Was wäre, wenn?» zur epischen Erzählung aus, verfolgt die Spuren der flüchtigen Kriegerinnen durch drei Jahrtausende und häuft zahllose Indizien an. Am Ende erscheinen die Phantome fast schon als alltägliche Begleiter – eine überzeugende Strategie.
 
Und die wohl einzig sinnvolle: Wie anders soll man etwas zeigen, das es nicht gibt? Vor dem gleichen Problem stünden Ausstellungen zur Typologie der Drachen oder Entwicklungsgeschichte des Einhorns. Als Lösung bietet sich an: Anstatt das unbekannte Wesen des Phänomens darzustellen, trägt man die wesentlichen Darstellungen zusammen, damit Vergleiche ihren gemeinsamen Kern enthüllen. Genau das geschieht in Speyer.
 
Video-Impressionen der Ausstellung
 
Drei griechische Mythen bringen die Amazonen zur Welt. Der älteste handelt von der neunten Aufgabe des Herkules: Er soll den Gürtel der Amazonen-Königin Hippolyte herbeischaffen. Hippolyte hätte ihn fast verschenkt, doch Göttermutter Hera schürt Zwist: Herakles und seine Gefährten kämpfen gegen die Amazonen, besiegen sie und zerschlagen ihr Reich.
 
Der zweite Mythos erzählt von Athens mythischem Gründer Theseus: Er entführt die Amazone Antiope in seine Heimatstadt. Die Amazonen folgen ihnen und belagern Athen. Doch sie werden geschlagen und fliehen nach Norden zu den Skythen. Der dritte Mythos ist Teil des Krieges um Troja: Die Amazonen eilen der Stadt zu Hilfe, werden aber von den Griechen niedergerungen. Achilles kämpft mit der Amazonen-Königin Penthesilea; als er sie tötet, verliebt er sich in sie.
 
Foto: Skulpturhalle BaselFoto: Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz SpeyerFoto : Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz SpeyerFoto : Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz Speyer
Die drei Mythen verlegen das Reich der Amazonen nach Themiskyra an die südöstliche Schwarzmeerküste, obwohl sich dort damals wie heute keine Spur der Kriegerinnen findet. Zudem werden sie als exakte Ebenbilder der Griechen geschildert: Sie tun all das, was im antiken Hellas den Männern vorbehalten ist. Dafür genießen sie Hochachtung. In Athen waren ihnen ein Fries am Parthenon, ein Gemälde auf der Agora und sogar Heiligtümer gewidmet. Gefäße wurden oft mit Kämpferinnen bemalt, vor allem Trinkschalen für Gelage.
 
Sind Amazonen nur die maso-erotische Männerphantasie einer Macho-Kultur? Oder, feministisch interpretiert, die verblasste Erinnerung an ein untergegangenes Matriarchat in grauer Vorzeit? Die Ausstellung legt eine andere Deutung nahe: Als Gegenbilder geschätzter Tugenden in weiblicher Gestalt symbolisieren die Amazonen eine vorhellenische Welt, die von den Griechen erobert wurde. Quasi die frühere Unordnung, in der sie ihre patriarchalische Sozialordnung durchsetzten.


26.09.2010 Oliver Heilwagen
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